2908
Dichtung.
bloße physiologische Impressionismus zwar kunstreiche Skizzen
ermöglichte, eine große Kunstform des Romans aber, wenigstens
auf deutschem Boden, nicht zu erringen vermochte.
Inzwischen aber hatte sich auch schon ergeben, wie wenig der
physiologische Impressionismus bei ganz folgerichtiger Durch—
führung des ihm zu Grunde liegenden Prinzips imstande war,
wahrhaft dichterisch zu wirken. Den Nachweis erbrachte derselbe
Arno Holz, der, wie wir wissen, durch seine Lehre einer neuen Lyrik
auch schon das Daseinsrecht der rein naturalistischen Lyrik
untergraben hatte. Es geschah schon 1889 in dem gemeinsam
mit Johannes Schlaf verfaßten Buche „Papa Hamlet“, das
unter dem Pseudonym von Bjarne P. Holmsen erschien. Das
Buch umfaßt drei Erzählungen, deren erste dem Ganzen den
Namen gegeben hat. Und diese Erzählungen bewegen sich nun
in der pedantisch genauesten Schilderung jeglicher Einzelheit
der Vorgänge, die sie darstellen; mit Recht spricht von Hanstein
von ihrem „Sekundenstil, insofern Sekunde für Sekunde Zeit
und Raum geschildert werden“. Brauchen doch die Verfasser
in einer der Erzählungen, die den Tod eines Studenten zum
Gegenstande hat, achtundzwanzig Seiten, um zu schildern, wie
der Verwundete stirbt! Und das Pedantische des Stils färbt
sogar auf die typographische Ausstattung ab: hier vornehmlich
liegen die Anfänge jener Systematik mehrzahliger Punkte und
Gedankenstriche, die dann in gewissen Dichtungen der neunziger
Jahre üppig ins Kraut geschossen ist.
Das eigentlich Charakteristische aber an der Lehre Holzens
und Schlafs ist, daß sie im Grunde alle Zustandsschilderung
aufhebt: es giebt nach ihr in der Kunsterzählung wie im
Leben nur ein Werden auch der kleinsten Schattierungen und
Nuancen. Denn war dies etwa eine Fundamentalauffassung
der bisherigen Kunsterzählung gewesen? Keineswegs; und
namentlich der Roman hatte bisher zum großen Teil von der
Schilderung ruhend gedachter Zustände gelebt. Ein durch—
greifendes Prinzip der bisherigen künstlerischen Erzählung, wie
es im 19. Jahrhundert gegolten hatte, war also hier ver—
neint; und grundsätzlich blieb damit, nach der bisherigen