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Dichtung.
Hinsicht mehr zu beherrschen weiß. Mit alledem tritt dann
doch ein gemäßigter Impressionismus immer entscheidender her⸗
vor: wie in seinen Dramen so geht der Dichter auch in seinen
Romanen langsam mit der Zeit, und soweit das litterarische
Publikum impressionistische Anschauungen älteren Gedanken—
assoziationen einfügt, ist auch er bereit, sie aufzunehmen, ja der
allgemeinen Entwicklung vielleicht sogar um einige Schritte
vorauszueilen. Das alles tritt aber doch nicht so entscheidend
hervor, daß seiner Art zu erzählen dadurch der Charakter des
Übergangsstiles genommen würde.
4. Inzwischen aber war, um etwa 1800, die Zeit des
reinen physiologischen Impressionismus ihrem Ende nahe.
Zeigte das die schon einmal erwähnte Umfrage von Kurt
Grottewitz in nackter Deutlichkeit, so wiesen auch allerlei
Nebenerscheinungen schon länger auf den gleichen Ausgang hin.
In der neuen Form hatte sich schließlich ein entfesselter stoff⸗
licher Naturalismus widerlich eingenistet; eine große Anzahl
angeblich litterarischer Erzeugnisse strotzten von Brutalität und
Gemeinheit. Und dem krankhaften Sensualismus machten sogar
Naturen wie Wildenbruch („Astronom“, 1887) und Kretzer
(„Drei Weiber“, 1886) Zugeständnisse. Nicht minder gingen
die litterarischen Höflichkeitsformen in einer mehr als derben
Entwicklung des satirischen und polemischen Humors wie in
einfach schimpfender Grobheit, und dies nicht bloß auf dem
engeren Gebiete der schönen Litteratur, verloren.
Das bedeutete den Verfall, und da waren denn zunächst
Parallelerscheinungen wie die des soeben besprochenen Über—
gangsromans sehr begreiflich; zugleich aber drängte die Ent—
wicklung weiter vorwärts, hinein in einen bis dahin unerhörten
psychologischen, ja neurologischen Impressionismus.
Dabei war diese Entwicklung, wie sich der trefflichen
ditteraturgeschichte des 19. Jahrhunderts von R. M. Meyer
zum ersten Male völlig deutlich entnehmen läßt, keineswegs
unvorbereitet: es waren schon Schriftsteller vorhanden, die,