Dichtung.
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eifrige Psychologen, doch im übrigen noch ganz im alten Stile
schufen, ja die selbst noch derart erzählten, daß der Leser zwischen
sich und der Darstellung immer noch den vermittelnden, um—
gestaltenden, verdeutlichenden Autor der dreißiger bis fünfziger
Jahre wahrnahm. Eine der vornehmsten Erscheinungen auf
diesem Gebiete war wohl Margarethe von Bülow, 1860 ge—
boren, 1888 im Rummelsburger See ertrunken bei dem Ver—
suche, einen im Eise eingebrochenen ihr fremden Knaben zu
retten. Margarethe von Bülow hatte jenen „Wolfshunger“
des 18. Jahrhunderts „nach Menschen“; Meyer eitiert von ihr
die Worte: „Ich möchte sie manchmal auf der Straße anfallen
uind sie zwingen, daß sie mir mitteilen, was sie denken und
einpfinden.“ Ihr größtes Werk, „Jonas Briccius“ (1886), ist
ganz ein psychologischer Roman, wenn auch noch in alter
Technik. Ein feiner psychologischer Grübler und Beleuchter
‚abgelegener Gebiete des Seelenlebens“ war ferner der positiv
hristliche Hermann Oeser (geb. 1849; „Vom Tage“, 1888,
Stille Leute“ 1890 u. a. m.): wie denn Frauen und gute
Christen sich neben den eigentlichen, zumeist nervösen Pfad—
findern gern durch ein feines psychologisch-praktisches Verständ—
nis auszeichnen.
Im ganzen aber zeigte sich doch, daß auch ein voller psycho—
logischer Impressionismus zunächst nur auf dem Wege der
Skizze und der aus ihr erwachsenden kurzen Geschichte zu er—
reichen war. Gewiß hat ja der psychologische Roman für die
Technik der großen Kunsterzählung den Vorteil, daß er auf die
— höchstens einiger
Individuen und damit auf eine natürlich gegebene enge Einheit
hinausläuft, die dann sehr wohl in genauem impressio⸗
nistischem Eingehen auf Einzelheiten erreicht werden kann:
dennoch gehörten auch hier die ersten mehr durchschlagenden
Versuche der Skizze an.
In diesem Zusammenhange wurde zuerst die litterarische
Thätigkeit Gerhart Hauptmanns von Bedeutung. Nach Wag⸗
nissen (um 1885), ein Epos über Jesus von Nazareth oder auch
ein Tagebuch des Judas Ischarioth zu schreiben, Werke, die nur