Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
psychologisch hätten ausfallen können, veröffentlichte Hauptmann 
1887 den „Bahnwärter Thiel“, seinen ersten Versuch, einen 
bestimmten Charakter wirklich allseitig „auszuwickeln“, wie man 
im 18. Jahrhundert gesagt haben würde. Gewiß ist dabei 
noch der Einfluß des Zolaismus, namentlich in einem zer— 
streuten, den einzelnen Vorfällen gleichsam nur ruckweise an⸗ 
gefügten Symbolismus erkennbar, und die naturalistische Technik 
steht noch nicht auf der Höhe; vor allem die Exposition ist der all⸗ 
gemeinen Form nach noch ungelenk, ja sogar stilistisch ungeschickt. 
Aber was der Dichter vor allem will: psychologisch schildern, 
das gelingt schon. Feiner noch ist die Studie „Der Apostel“ 
vom Jahre 1890. Hauptmann zerfasert hier den Typ des 
religiösen Schwärmers und zeigt, indem er das Bild der 
wachsenden Psychose schildert, wie eine Fülle von Neben— 
stimmungen dem religiösen Wahnsinn von heute seinen be— 
sonderen Zeitcharakter aufdrückt. 
Während dieser Anfänge eines unmittelbaren psycho⸗ 
logischen Impressionismus, wie er ganz entschieden wohl am 
frühesten in Hauptmanns Skizzen hervortritt, gestaltete sich 
aber auch der physiologische Impressionismus von sich aus in 
leisen Ubergängen ins Psychologische, ja Neurologische um, 
indem er zum „Salonnaturalismus“ wurde, sich von der 
Schilderung der unteren Schichten derjenigen höherer Kreise 
zuwandte und hier auf verwickeltere seelische Erscheinungen 
stieß, an deren Darstellung er nicht vorbeikam: wobei denn die 
bisher geübte Technik die entsprechenden Abänderungen zur Er— 
fassung des Psychologischen erleiden mußte. Hauptvertreter 
dieser Wandlung auf deutschem Boden ist Heinz Tovote (geb. 
1864; „Im Liebesrausch“ 1889, und andere Romane, dazu 
eine Skizzensammlung „Ich, Nervöse Novellen“ 1892). Tovote 
hat von Maupassant viel gelernt, wie auffällig namentlich seine 
Skizzen zeigen; er ist ein sehr flotter Erzähler, warm und an—⸗ 
schaulich, freilich von jener Lebhaftigkeit, die Tiefe ausschließt. 
Leider sind seine Erzählungen dabei dem Gegenstande nach meist 
schlüpfrig; und die Gefahr hat ihm gedroht, in der Dirnen— 
novelle zu versinken.
	        
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