Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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In der Entwicklung des eigentlichen psychologischen Im— 
pressionismus aber, soweit er auf Individualpsychologie aus— 
ging, vollzog sich schon früh eine Wendung, die wir aus der 
Geschichte der Lyrik schon kennen: die auf den Gegenstand ge— 
richtete seelische Versenkung schlug auf den Dichter zurück; die 
Erzählung fremder psychischer Zustände wurde mit der Kund— 
gebung der eigenen vermischt: und die Stimmung trat hervor 
als erstes Moment eines primitiven Idealismus. Und das 
geschah mit solcher Gewalt, daß sogar die spätesten Erscheinungen 
noch des physiologischen Impressionismus mit Stimmungs— 
elementen durchsetzt wurden. 
Auf psychologischem Gebiete aber war auch diese Er— 
scheinung nicht ohne Vorläufer, um deren Nachweis sich wiederum 
R. M. Meyer besondere Verdienste erworben hat. Eine 
romantische Stimmung, die leicht in zarten Symbolismus um— 
schlug, war in neuen Formen schon gegen Ende der siebziger 
Jahre aufgetreten, litterarisch nur scheinbar im Zusammenhange 
mit dem Humor etwa eines Raabe, in Wirklichkeit teils in un— 
mittelbarer Anknüpfung an die alte Romantik, so an Tieck, 
oder in leisem Suchen nach neuen Mitteln idealistischen Aus— 
drucks Auf diese Weise hat der Darmstädter Max Rieger seit 
Ausgang der siebziger Jahre gedichtet und später eine Sammlung 
don Novellen in der Art Tiecks herausgegeben („Der neue 
Phantasus“ 1887), und nicht anders ist Steinhausen immer 
romantisch und fromm und humorvoll und gelegentlich auch 
schon symbolistisch thätig gewesen („Irmela“ 1880, „Markus 
Zeisleins großer Tag“ 1883). Und beide gehörten in ihrer 
Zeit keineswegs zu den Jungen, beide reichten mit ihren Kinder— 
jahren vielmehr eher in die allerletzten Zeiten der Romantik zurück; 
Rieger ist 1828, Steinhausen 1836 geboren. Zu diesen beiden 
trat dann der philosophische August Niemann (geb. 1839; 
„Bakchen und Thyrsosträger“ 1882), ein Erneuerer des alten 
Reflexionsromans der Romantik und auch sonst von romantischen 
Gebärden, wenn auch in der Einzeldarstellung realistisch. Und 
auch Adalbert Meinhardt (Marie Hirsch, geb. 1848) gehört 
neben manchem anderen mit ihren „Reisenovellen“ (1885) dieser
	        
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