Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
Richtung an; sie ist elegisch, sie moralisiert, und sie liebt das 
Märchenhafte. 
Im ganzen sind alle diese Schriftsteller erst in späteren Jahren 
zur Produktion oder wenigstens zur Veröffentlichung ihrer Werke 
gekommen; man könnte wohl versucht sein, sie als Ausläufer 
der Romantik zu bezeichnen, als die Gruppe einer letzten Epigonie 
nach der klassizistischen Epigonie der fünfziger und auch noch 
sechziger Jahre. Indes dem widerspricht doch der Charakter des 
kräftig Gesammelten, wenn auch zugleich etwas Resignierten in 
ihren Werken: weit mehr erscheinen sie als Vortrab eines künftigen 
symbolistisch-romantischen Idealismus. Freilich von den Jüngsten 
sind sie doch auch wieder vielfach getrennt, denn sie gehören der 
Generation an, die nach dem Zeitalter der großen alten Männer 
unter Kaiser Wilhelm J. eigentlich mit Kaiser Friedrich hätte 
zu Worte gelangen sollen, der aber dieses Wort wie fast ganz 
im Staate so auch vielfach im allgemeinen Kunstleben durch 
den frühen Tod des Kaisers abgeschnitten worden ist. So 
stehen sie ein wenig vereinzelt da; an Altes anknüpfend und 
doch schon Ahner des Neuen, sind sie Gestalten wie die Hage⸗ 
dorn oder Haller oder auch Gellert des 18. Jahrhunderts. 
Im ganzen kam darum das stimmungsvoll Neue wiederum, 
wie schon das physiologisch und psychologisch Impressionistische, 
nicht in Anknüpfung an die größeren Kunstformen der Über—⸗ 
lieferung und die vorbereitenden Werke des UÜbergangs empor, 
sondern wuchs ganz von sich aus; und demgemäß wurde es, 
sieht man von Einzelerscheinungen, wie Bahrs ganz auf franzö⸗ 
ischem Einflusse beruhendem Roman „Gute Schule (1890) ab, 
zunächst ebenfalls nur in kleinen Geschichten und Skizzen 
lebendig. Und da zeigte es denn alsbald, wie die entsprechende 
Lyrik, einen vornehmlich musikalischen, mildtönenden, weichen 
Charakter. Es ist eine Erscheinung, die wir im Drama wieder— 
finden werden; lagen dem physiologischen Impressionismus der 
Dichtung ganz allgemein die Beziehungen zur Malerei besonders 
nahe, so dem psychologischen und noch mehr dem neurologischen 
nicht minder allgemein die Beziehungen zur Musik. 
Vielleicht kann man es auf diesen Umstand zurückführen,
	        
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