Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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wenn in dieser Kunst sterreich, und das hieß Wien, zum Teil 
die Führung übernahm. Und sicherlich war es wienerisch, wenn 
in diesem Zusammenhange die Verquickung von Sentimentalität 
und Frivolität als ein längere Zeit mit besonderer Liebe ge— 
oflegtes Moment emporkam. Der Hauptvertreter dieser 
Schattierung war der Wiener Arthur Schnitzler (geb. 1862; 
„Anatol“ 1893 u. a. m.); mit mehr Meisterschaft als andere 
hat er Seelenzustände in den weichen, zerfließenden Formen 
kurzer Skizzen wiedergegeben. Charakteristisch war dabei für diese 
hesondere Richtung die Vorliebe für die dialogisierte Novellett«: 
recht eigentlich ein Kunstwerk des so sehr zum „Plauschen“ 
— 
die Ebner-Eschenbach die Form der dramatisierten Novelle ge— 
legentlich mit großer Kunst gehandhabt hat. 
Aber auch im Reiche wurde die psychologisch-impressio— 
aistische Sktizze und Geschichte in den neunziger Jahren eine 
immer beliebtere Erzählungsform; sie unterwarf sich dabei teil— 
veis der Neigung der Zeit zum Märchen, die wir in der Ge— 
schichte des Dramas noch genauer kennen lernen werden, und 
führte, idealistisch gewendet, einerseits zu gänzlicher Erweichung 
in bloße, fast rein lyrische Stimmungsbilder, andererseits zu 
einem phantastischen Symbolismus. Es sind Übergänge, in 
denen sich erst leise, dann immer fester umrissen hinter der ge— 
schilderten Erscheinungswelt eine andere seelische Welt empor— 
hildete, die dann durch die Erscheinungswelt als die Summe 
und das Ganze ihrer Symbole geheimnisvoll hindurchzuglänzen 
degann. 
Indem aber diese symbolistischen Vorstellungen immer mehr 
entfaltet wurden, trat an Stelle der kurzen Geschichte, die 
der verwickelteren Gedoppeltheit der symbolistischen Erzählung 
aur schwer gerecht werden kann, wieder mehr die längere Ge— 
schichte der Roman. Und zugleich wurde an Stelle des psycho— 
logischen Impressionismus, der sich gegenüber den symbolistischen 
Neigungen leicht als zu tageshell und als zu reinlich und zu fest 
konstruiert erwies, die dumpfere, unbestimmtere, ahnungsreichere 
neurologische Impression gesetzt. Der gänzlich ungewohnte 
amprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 20
	        
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