Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Eindruck, den diese neue Kunst bei ihrem Erscheinen machte, ist 
von Bahr, wohl dem größten Anempfinder der litterarischen 
Vorgänge in Frankreich und Deutschland während der achtziger 
und neunziger Jahre, besonders sinnfällig beschrieben worden!. 
Von dem Romane Georgs von Ompteda „Drohnen“ (1893) 
sagt er: „Keine Handlung und gar keine Psychologie und nicht 
einmal das gemeine Vermögen der Naturalisten, das tägliche 
Leben zu malen: diese vielen Dinge sehen wir kaum. Aber 
wir fühlen sie, wir zucken von ihnen, sie rieseln in uns. Der 
nervöse Gehalt wird von ihm aus den Dingen gezogen und in 
den Leser gebracht. Plastisches fehlt; er geht ohne Umweg 
unmittelbar gleich an die Nerven. Aus Menschen und Dingen 
weiß der Verfasser nur den eigenen Dunst, der um sie schwebt, 
weiß er nur ihre Musik zu holen. Am schönsten ist das an 
der „Gräfin Ines‘ in seiner letzten Sammlung „Unter uns 
Junggesellen‘ (18904) gelungen. Nirgends wird seine Weise 
deutlicher als in dieser gelassenen, schlichten und doch so un—⸗ 
gemeinen Erzählung, die ein Wunder an Harmonie von Gefühl 
und Form ist. Nichts geht vor, als daß ein junger Mann 
eine junge Dame kennen lernt. Von dem jungen Mann erfahren 
wir gar nichts, und so mag sich jeder selber an seine Stelle 
denken. Von der jungen Dame erfahren wir nichts als den 
Geruch ihrer Worte, wir hören die liebe Farbe ihrer Stimme, 
und so mag sich jeder für sie die besten Formen denken. Nur 
die Melodie tönt, wie die zwei jungen Leute sich mit leisen 
Fäden ziehen. Das giebt einen unsäglichen Reiz, weil es im 
Grunde gar keine Gestalten, sondern uns in die Stimmung 
bringt, selber zu gestalten. Es wirkt wie ein stilles Lied, wie 
leises Flüstern auf der Geige und läßt uns ins Weite träumen. 
Ich habe nie eine so nichts als musikalische Prosa ge⸗ 
lesen.“ Und gleich darauf bemerkt Bahr von dem Roman der 
Ricarda Huch „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngern“ 
(1893): „Sie erzählt die Wirrungen, die eine ungestüme und 
fündige Liebe über eine Hamburger Familie bringt und der 
Renaissance, neue Studien zur Kritik der Moderne S. 67 ff. 1897.
	        
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