Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Tod erst löst. Seltsam ist nun, wie der Leser ohne große 
Handlungen, ja ohne große Worte, indem die Sprache gefaßt 
und immer episch bleibt, unbeschreiblich aufgeregt, durch Angst, 
Zorn und Schmerz getrieben, im Innersten bewegt wird. Durch 
das Thema? Es ist alt, und da es sehr langsam und um— 
ständlich in Gang gebracht wird, höchstens stiller Betrachtungen 
fähig. Durch die Form? Gs ließe sich leicht eine glücklichere 
Behandlung denken, und der breite, geflissentlich pedantische, oft 
gewaltsam goetheisierende Stil müßte eher beruhigen und 
dämpfen. Also wie? Man kann es nicht sagen. Es ist wieder 
ganz die Wirkung der Musik, wo man auch nicht weiß, warum sie 
denn traurig oder heiter ist, als weil sie eben unerklärlich traurig 
oder heiter macht. Man wird von Accorden unaufhaltsam in 
Stimmungen gezogen.“ Musikalische Wirkung ist Wirkung 
auf die Nerven: das, was die Huch wie von Ompteda bringen 
und unter Anwendung nicht bloß der von Bahr geschilderten, 
sondern auch noch einer ganzen Anzahl anderer Kunstmittel 
ausüben, ist die Herrschaft über die neurologischen Eindrücke. 
Daß aber eine neurologische Technik den Symbolismus in 
hohem Grade begünstigt, ja für ihn in seiner modernen Aus— 
gestaltung Voraussetzung ist, zeigt wiederum die Musik mit den 
starken symbolischen Wirkungen des Musikdramas und noch mehr 
der symphonischen Dichtung. 
Dieser Symbolismus ist, in Deutschland wenigstens, seiner 
weiteren Entwicklung nach eine Kunst vornehmlich impressiven, 
weiblichen Charakters. Kein Wunder daher, wenn Frauen seine 
vornehmsten Vertreterinnen sind. Gewiß haben auch einige 
Autoren, wie schon der Schweizer Walter Siegfried (geb. 1858) 
in seinem Romane „Tino Moralt“ (1890), dem Drama des 
Verfalls künstlerischer Schaffenskraft, einige Neigung in dieser 
Richtung gezeigt, und selbst der männliche Fontane hat ge— 
legentlich (in „Effi Briest“, 1895) das Beschauliche ins Sym— 
bolische gesteigert und sich damit auch neurologischer Technik 
genähert. Im Vordergrunde aber stehen doch Frauen: Isolde 
Kurz, Anselm (Selma) Heine, Helene Böhlau, Ricarda Huch. 
Von der symbolistischen Technik wird noch gelegentlich 
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