Dichtung.
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Tod erst löst. Seltsam ist nun, wie der Leser ohne große
Handlungen, ja ohne große Worte, indem die Sprache gefaßt
und immer episch bleibt, unbeschreiblich aufgeregt, durch Angst,
Zorn und Schmerz getrieben, im Innersten bewegt wird. Durch
das Thema? Es ist alt, und da es sehr langsam und um—
ständlich in Gang gebracht wird, höchstens stiller Betrachtungen
fähig. Durch die Form? Gs ließe sich leicht eine glücklichere
Behandlung denken, und der breite, geflissentlich pedantische, oft
gewaltsam goetheisierende Stil müßte eher beruhigen und
dämpfen. Also wie? Man kann es nicht sagen. Es ist wieder
ganz die Wirkung der Musik, wo man auch nicht weiß, warum sie
denn traurig oder heiter ist, als weil sie eben unerklärlich traurig
oder heiter macht. Man wird von Accorden unaufhaltsam in
Stimmungen gezogen.“ Musikalische Wirkung ist Wirkung
auf die Nerven: das, was die Huch wie von Ompteda bringen
und unter Anwendung nicht bloß der von Bahr geschilderten,
sondern auch noch einer ganzen Anzahl anderer Kunstmittel
ausüben, ist die Herrschaft über die neurologischen Eindrücke.
Daß aber eine neurologische Technik den Symbolismus in
hohem Grade begünstigt, ja für ihn in seiner modernen Aus—
gestaltung Voraussetzung ist, zeigt wiederum die Musik mit den
starken symbolischen Wirkungen des Musikdramas und noch mehr
der symphonischen Dichtung.
Dieser Symbolismus ist, in Deutschland wenigstens, seiner
weiteren Entwicklung nach eine Kunst vornehmlich impressiven,
weiblichen Charakters. Kein Wunder daher, wenn Frauen seine
vornehmsten Vertreterinnen sind. Gewiß haben auch einige
Autoren, wie schon der Schweizer Walter Siegfried (geb. 1858)
in seinem Romane „Tino Moralt“ (1890), dem Drama des
Verfalls künstlerischer Schaffenskraft, einige Neigung in dieser
Richtung gezeigt, und selbst der männliche Fontane hat ge—
legentlich (in „Effi Briest“, 1895) das Beschauliche ins Sym—
bolische gesteigert und sich damit auch neurologischer Technik
genähert. Im Vordergrunde aber stehen doch Frauen: Isolde
Kurz, Anselm (Selma) Heine, Helene Böhlau, Ricarda Huch.
Von der symbolistischen Technik wird noch gelegentlich
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