Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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häufiger Dichterinnen: es sind individualpsychische Ausläufer 
der Entwicklung im verwegensten Sinne des Wortes. 
Aber daneben steht und erwächst gerade in den letzten 
Jahren zu siegreicher Ausbreitung ein zweiter, sozialpsychischer, 
kollektivistischer Entwicklungszweig: die Erzählung, die auf 
eingehender Wiedergabe der seelischen Erscheinungen des ge⸗ 
sellschaftlichen Lebens beruht. Und auch er hat sich langsam 
aus dem alten psychologischen Roman entfaltet und ist in leisen 
Übergängen impressionistischer Technik modern geworden. 
Die alte psychologische Erzählungskunst hatte es im Grunde 
nur mit der Individualpsychologie zu thun gehabt: sie hatte 
die Geschichte eines, selten mehrerer „bedeutender“ Menschen 
geben wollen. In diesem Sinne hat noch 1893 Spielhagen 
in seinem „Sonntagskind“ den alten psychologischen Roman in 
deutlich ausgesprochener Absicht dem Roman des sozialen Milieus 
gegenübergestellt bei allen Zugeständnissen, die er inzwischen der 
impressionistischen Technik im einzelnen gemacht hatte. 
Allein neben diese Auffassung trat nun doch eine sozial⸗ 
psychische. Unter einem „bedeutenden“ Menschen hatte die 
alte Kunstübung der Regel nach einen über dem Durchschnitt 
stehenden Charakter verstanden: etwas von dem alten Fabulieren 
des Epos, wenn auch nicht mehr gerade ins Transcendent— 
Wunderbare, so doch ins Außerordentliche hinein, hatte ihr 
noch angehaftet. Das wurde nun abgestreift. Gerade die 
Durchschnittscharaktere in ihrer Entwicklung zu begreifen und 
zu malen, erschien jetzt, anfangs wenigstens, als eigentliche 
Aufgabe. Und insofern diese Charaktere die sozialen Merkmale 
der Zeit wiedergaben, lag damit für den sozialpsychischen Roman 
die unvermerkte Entwicklung aus den mehr physiologisch— 
impressionistischen, naturgemäß mehr den Zuständen zugewandten 
Formen nahe. So erklärt es sich denn, wenn sich schon bei 
Kretzer deutliche Ubergänge zum sozialpsychologischen Roman 
auffinden lassen. Und der erste große Meister dieses Romans 
war bereits Fontane. Stärkere Neigungen zum Sozialpsychischen 
treten bei ihm schon in „Frau Jenny Treibel“ (1803) hervor, 
dieser köstlichen Typisierung der feineren Berliner Bourgeoisie
	        
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