Dichtung.
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häufiger Dichterinnen: es sind individualpsychische Ausläufer
der Entwicklung im verwegensten Sinne des Wortes.
Aber daneben steht und erwächst gerade in den letzten
Jahren zu siegreicher Ausbreitung ein zweiter, sozialpsychischer,
kollektivistischer Entwicklungszweig: die Erzählung, die auf
eingehender Wiedergabe der seelischen Erscheinungen des ge⸗
sellschaftlichen Lebens beruht. Und auch er hat sich langsam
aus dem alten psychologischen Roman entfaltet und ist in leisen
Übergängen impressionistischer Technik modern geworden.
Die alte psychologische Erzählungskunst hatte es im Grunde
nur mit der Individualpsychologie zu thun gehabt: sie hatte
die Geschichte eines, selten mehrerer „bedeutender“ Menschen
geben wollen. In diesem Sinne hat noch 1893 Spielhagen
in seinem „Sonntagskind“ den alten psychologischen Roman in
deutlich ausgesprochener Absicht dem Roman des sozialen Milieus
gegenübergestellt bei allen Zugeständnissen, die er inzwischen der
impressionistischen Technik im einzelnen gemacht hatte.
Allein neben diese Auffassung trat nun doch eine sozial⸗
psychische. Unter einem „bedeutenden“ Menschen hatte die
alte Kunstübung der Regel nach einen über dem Durchschnitt
stehenden Charakter verstanden: etwas von dem alten Fabulieren
des Epos, wenn auch nicht mehr gerade ins Transcendent—
Wunderbare, so doch ins Außerordentliche hinein, hatte ihr
noch angehaftet. Das wurde nun abgestreift. Gerade die
Durchschnittscharaktere in ihrer Entwicklung zu begreifen und
zu malen, erschien jetzt, anfangs wenigstens, als eigentliche
Aufgabe. Und insofern diese Charaktere die sozialen Merkmale
der Zeit wiedergaben, lag damit für den sozialpsychischen Roman
die unvermerkte Entwicklung aus den mehr physiologisch—
impressionistischen, naturgemäß mehr den Zuständen zugewandten
Formen nahe. So erklärt es sich denn, wenn sich schon bei
Kretzer deutliche Ubergänge zum sozialpsychologischen Roman
auffinden lassen. Und der erste große Meister dieses Romans
war bereits Fontane. Stärkere Neigungen zum Sozialpsychischen
treten bei ihm schon in „Frau Jenny Treibel“ (1803) hervor,
dieser köstlichen Typisierung der feineren Berliner Bourgeoisie