Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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schlechthin erfinden? Schwerlich: denn der Einzelne ist Kind 
einer bestimmten Zeit und Abkömmling eines bestimmten Ortes. 
Wahrhaft klassische Stoffe sind daher nur solche, die von den 
Urvätern und frühesten Ahnen herausgebracht sind und im 
Erbgang von einem Geiste der Zeiten zum anderen gleichsam 
abgeschliffen sind und eingebüßt haben, was an ihnen an— 
stößig und eckig war im Sinne“ einer vorübergehenden Mode 
und eines besonderen Momentes. Darum lassen sich allgemein 
menschliche Inhalte nur in große Traditionen bannen, darum 
ist das griechische Drama stofflich ein Drama der Überlieferung, 
darum wurden in der Malerei der modernen Völker die höchsten 
menschlichen Gefühle in der von Geschlecht zu Geschlecht fort— 
schreitenden Darstellung der christlichen Heilsvorgänge und der 
Madonnenbilder festgehalten, darum hat Goethe, als er Unver— 
gängliches gab, zur Sage vom Faust gegriffen. Und auch Dantes 
„Göttliche Komödie“ hat ihre Vorläufer zurück vom 14. bis zum 
9. Jahrhundert. Konnte darum das Musikdrama und wollte es 
stofflich nichts geben als das Gemeinmenschliche der Gefühle, so 
war es auf Inhalte uralter Erzeugung angewiesen; und so lebte 
in ihm die mittelalterliche Sagenwelt auf von „Tannhäuser“ bis 
„Parsifal“, und darüber hinaus noch der urgermanische Mythos. 
Man sieht in diesem Zusammenhang, welches Recht man 
hat, vom Inhalt des Wagnerschen Musikdramas ausgehend 
von romantischer Oper zu sprechen. 
Indem aber in „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ zum ersten 
Male alte Sagenstoffe unter dem reinigenden Hauche und ver— 
einfachenden Einflusse der Musik auf ihren rein menschlichen 
Gehalt gebracht, und indem dieser Gehalt durch symphonische 
und dichterische Verarbeitung dem Rahmen eines einheit— 
lichen Werkes der musischen und redenden Künste einverleibt 
ward, begann die Seele des neuen Kunstwerkes zu atmen. 
Gewiß: noch nicht ganz rein. Noch gestört von allerlei Er— 
innerungen an die alte Oper. Die architektonische Struktur 
der Musik war noch nicht ganz unterdrückt. Die Scenen waren 
noch nicht alle auf rein seelischen Gehalt gebracht. Sensationelle 
Vorgänge störten noch; als Reste der großen Oper stellten sich
	        
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