Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
319 
bis sein impressionistischer Charakter entwickelt war. Dieser 
Prozeß, in welchem sich also neue Schicksalsidee und neue 
Technik auf Grund modernen Wirklichkeits- und Wahrheits— 
sinnes die Hand reichten, begann mit dem „Bund der Jugend“ 
(1869), setzte sich fort über die „Stützen der Gesellschaft“ 
(1877), ging seinem Abschluß entgegen in „Nora“ (1879) und 
in den „Gespenstern“ (1881) und erschien vollendet in der 
„Wildente“ (1884), in „Rosmersholm“ (1886) und in der 
„Frau vom Meere“ (1888). Doch zeigten sich in diesen letzteren 
Stücken seit etwa Mitte der achtziger Jahre schon Neigungen 
zu stärkerer Symbolik, grüblerischer Psychologie und einem 
rein ethischen Idealismus, die eine weitere Entwicklung ein— 
leiteten. Und diese trat dann, nachdem der Dichter 1801 in 
seine Heimat zurückgekehrt war, ganz deutlich hervor in den 
späteren Dramen seit „Hedda Gabler“ (1890). 
Das, was zunächst den formalen Impressionismus Ibsens 
kennzeichnet, ist die bis ins einzelste durchgeführte Darstellung 
der äußeren, physiologischen Wirkungen psychischer Vorgänge. 
Ibsen beobachtet wie ein Nervenarzt, ist der genaueste Kenner 
der physiologischen Seite des Seelenlebens. Und er giebt diese 
Seite in den feinsten Augenblicksregungen wieder, wie sie sich 
im Sprechen und im Schweigen, im Redenwollen und Stocken 
und Verstummen, ja oft nur in einer Geste oder einer Wendung 
des Körpers äußern. Es ist eine zunächst sozusagen natur— 
wissenschaftliche Auffassung, eine Auffassung von außen her, 
ein rein physiologischer Impressionismus. Und wie der Natur— 
forscher niemals mit seiner Seele in die Gegenstände seiner 
Forschung eingehen kann, da diese menschliche Seele nicht 
besitzen, wie er mithin seinem Stoffe auch niemals geistig 
coordiniert ist, sondern ihn immer als zu sich subordiniert 
vorstellt, so verfährt Ibsen in der Beobachtung des Seelenlebens 
seiner Gestalten: sich diesen als Fleisch und Blut von seinem 
Fleisch und Blut gleichzuordnen, in sie hassend und liebend 
aufzugehen, liegt ihm fern. Die Welt, die er schildert, unter⸗ 
steht vielmehr dem Gesetze einer absoluten Kausalität ihrer 
zigenen Bildung, die keinen Eingriff, ja selbst keine eigentliche
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.