Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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ist, wie seine Personen diesem oder jenem Jahrhundert an— 
gehören: — muß es nicht dadurch erst wirklich recht historisch 
unterbaut werden, daß sein gesellschaftliches Milieu vornehmlich 
auch durch die Sprache deutlich dahin charakterisiert wird, daß 
es einer bestimmten Vergangenheit angehöre? Und ergiebt sich 
nicht weiterhin aus diesem Zusammenhang noch ein ganz anderes 
historisches Drama, als das bisher gepflegte, nämlich das sozial— 
psychische oder das Drama des historischen Zustandes, wie man 
sich früher ausgedrückt haben würde: ein Drama, das uns 
die Leiden, Schicksale, Katastrophen der gesellschaftlichen Schichten, 
der Volksseele von ehedem in der Sprache von ehedem als dem 
einzig und allein charakteristischen sozialpsychischen Gewande 
zeigt? — Anfänge eines solchen Dramas, die sich an Schillers, 
an Grabbes Namen knüpfen, hat Hauptmann in seinem „Florian 
Geyer“ zu einer der Absicht des Dichters nach klaren, neuen 
Art des dramatischen Kunstwerks aufzubauen versucht. 
„Florian Geyer“, benannt nach einem der Hauptführer 
des Bauernkrieges von 15285, führt in die Reformationszeit. 
Es ist, im weitesten genommen, das Wagnis, die deutsche 
Volksseele dieser Zeit auf der Bühne aufleben zu lassen. Und 
dies Ziel wird zunächst durch Behandlung der Sprache erstrebt. 
Alle Personen reden, unter den für das Verständnis der Gegen— 
wart unerläßlichen Einschränkungen, die Sprache des 16. Jahr— 
hunderts, und zwar ebenso dem Wortschatz wie dem Satzbau 
nach. Aber noch über die Sprache hinaus wird der kultur— 
geschichtliche Seelenzustand des 16. Jahrhunderts in jedem Sinne 
aufgesucht: die nach unserem begrifflich viel nüancierteren und 
sittlich viel zersetzteren Empfinden rohe und gewaltthätige 
Seele des 16. Jahrhunderts tritt auch in Haltung und Hand⸗ 
lungsweise der Personen ständig in Erscheinung. Und erst inner— 
halb dieses großen zeitpsychischen Diapasons bildet sich die be— 
sondere dramatische Handlung. 
Diese Handlung aber ist dann wiederum und noch einmal im 
engeren Sinne sozialpsychisch, denn der Held derselben ist eine 
—E 
gegen die weltlichen und geistlichen Grundherren, gegen Adel und
	        
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