Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Conkunst. 
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fieren. Das erforderte natürlich die Vorführung von vielen 
Einzelheiten, verwickelte also die Fabel. Als dann Wagner 
später, in der zweiten Fassung des Textes vom Jahre 1861, 
seine Meinung änderte und eine ernstere Verinnerlichung der 
Handlung anstrebte, war diese doch nicht mehr ganz erreichbar. 
Gewiß, nach den Ausführungen eifriger Wagnerfreunde bildet 
die unglückliche Liebe Hans Sachsens zu Evchen den Mittel⸗ 
punkt des Werkes, — jene Liebe, die sich im Verschweigen 
tiefster Empfindung äußert, als in Walter Stolzing der rechte 
Freier gekommen ist, ja die sogar in männlicher Resignation diesem 
Freier zum ersehnten Ziel verhilft. Allein Thatsache bleibt, daß 
dieser Kern doch nicht sinnfällig genug herausgearbeitet ist, daß er 
verdeckt wird von tausend Äußerlichkeiten einer bunten Hand— 
lung. Und diese Art des Aufbaues der Fabel spiegelt sich doch 
bei aller musikalischen Einheit ein wenig in dem blühenden 
Körper der Musik wieder, so wunderbar auch das Vorspiel die 
zu Themen gewordenen Gefühle des Ganzen durcheinander— 
weben mag. 
Gewiß haben wir demgegenüber im „Nibelungenring“ 
manchen Fortschritt!. Aus sicherem Kunsttrieb hat sich hier 
Wagner schon in dem frühesten Entwurf („Siegfried“ von 1848) 
dem nordischen Mythus, nicht der weit jüngeren deutschen Sagen— 
form zugewandt: denn viel stärker pulsieren in diesem jene gene— 
rischen, jene Gemeingefühle, auf deren Wiedergabe die Musik hin— 
drängt. Das Los Wotans, des Gottes, der da herrschen und doch 
zugleich auch lieben will, des Gottes, der in schwerem Kampf 
zu der Einsicht gelangen muß, daß Herrschaft Liebe ausschließt, 
und der an dieser Einsicht mit dem Geschlecht seiner Genossen 
zu Grunde geht, bildet hier den eigentlichen Mittelpunkt, um 
den die musikalischen und dichterischen Gefühle kreisen. Was 
aber auch hier noch nicht gelang, das war eine ganz kurze 
Zurückführung des weitschichtigen Mythus auf diesen Kern. Es 
blieb eine Unsumme von Handlung; der Geist ältester germa— 
nischer Sagenform, der nur auf Handlung geht, nur durch Hand⸗ 
,Rheingold“ und „Walküre“ 1851456, „Siegfried“ (erste Hälfte) 
1857 beendet; „Götterdämmerung“ 1869 74.
	        
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