Dichtung.
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wenigstens läßt sich das auf Grund seines ersten Stückes, des
Einakters „Zu Hause“ (1893), sagen. „Die Mütter“ (1895)
zeigten dann freilich ein Nachlassen der impressionistischen Kraft,
mindestens in der Belebung der Nebenfiguren. Was aber bei
Hirschfeld bestehen blieb und sich späterhin noch erweitert hat,
das ist das Haftenbleiben am Skizzenhaften, an der Wieder—
gabe eines bloßen, oft recht kleinen und unbedeutenden Stückes
Leben, — es ist, als lese man eine ins Dramatische erhobene
Skizze oder auch eine Skizzensammlung der Kunsterzählung:
das Problem der Kombination impressionistischer Kleinmalerei
und dramatischer Schürzung, die schwierigste freilich aller Auf—
gaben für den naturalistisch-impressionistischen Dramatiker, ist
nicht gelöst, vielfach nicht einmal recht ergriffen.
Erwähnen wir im übrigen nur kurz noch Karl Hauptmann
(geb. 1858), den nicht unbedeutenden Bruder Gerharts, und
von sterreichern Arthur Schnitzler mit seinen dramatischen
Jugendarbeiten, sowie Philipp Langmann (geb. 1862), und be—
merken wir endlich noch, daß der naturalistische Impressionis—
mus auch schon früh in die Komödie und das satirische Schau—
spiel gedrungen war, wie er denn von einem innerlichen Zuge
zum Tragikomischen naturgemäß beherrscht wird: Ernst
von Wolzogens „Lumpengesindel“ und Otto Erich Hartlebens
„Angèle“ wären hier schon aus dem Anfana der neunziger
Jahre zu nennen.
Im übrigen erwies sich die ganze Richtung in ihrer Reinheit
nicht eben sehr fruchtbar, wie denn auch Gerhart Hauptmann
selbst schon um die Mitte der neunziger Jahre über sie hinaus—
gewachsen war. Sie verrohte vielmehr in der zweiten Hälfte
dieses Jahrzehntes, entweder in der Richtung, daß das Äußerste
an bloßem, wo möglich rein physiologischem Impressionismus,
wenn auch mit Ernst und ehrlichem Bestreben, geboten wurde,
oder so, daß bei entschiedener Begabung für das Dramatische
zwar der Impressionismus besser der allgemeinen dramatischen
Idee angepaßt, zugleich aber auch alle Anmut verloren und
derbe Schlager beliebt wurden.