Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
3. Allein war denn auch nur bis in die ersten neunziger 
Jahre hinein ein physiologischer Impressionismus wirklich der 
Alleinherrscher geblieben? Ist das Drama nicht eine Dichtungs— 
form, die, vornehmlich gerade wegen der stark betonten AÄußer— 
lich keiten, um so mehr auch das Innerliche widerzuspiegeln hat? 
Ist es daher ohne eingehende Psychologie überhaupt denkbar? 
Die beste Antwort auf diese Fragen liegt in der Thatsache, 
daß das Drama entwicklungsgeschichtlich überhaupt immer erst in 
Zeiten höher entfalteten — und das heißt bewußt und spontan 
ausdrucksfähig gewordenen — Seelenlebens auftritt. So ist 
denn auch das physiologisch-impressionistische Drama stets zu— 
gleich von psychologischen Motiven erfüllt gewesen, wenn diese 
Motive auch zumeist mehr sozial- als individual-psychologischen 
Charakters waren, und es ist dieses Wesen auch in der bisher 
gegebenen Darstellung in einem gewissen Schwanken der Charak— 
teristik zwischen physiologisch und psychologisch zum entsprechen— 
den Ausdruck gelangt. Im ganzen aber ließ sich natürlich unter 
diesen Umständen leicht, in kaum merklichen Schritten ein Über— 
gang zu immer stärkerer Betonung des Psychischen vollziehen: 
und schließlich mußte ein in der Hauptsache psychologisch charak— 
terisiertes impressionistisches Drama das Ergebnis sein. 
Zunächst aber trat doch eine etwas anders geartete Ent—⸗ 
wicklung in den Vordergrund. Es versteht sich nach dem Ge— 
sagten leicht, daß nirgends fast energischer und deutlicher als auf 
dem Gebiete des Dramas seit Anfang der neunziger Jahre 
Gemüt und Einbildungskraft es gegenüber dem mehr vom Ver— 
stande getragenen dichterischen Betrieb eines äußerlichen Im— 
pressionismus zu Gegenwirkungen brachten: man suchte das dem 
Herzen Entsprechende, ja das Phantastische. Und das fand sich 
nun zunächst nicht so sehr im rein psychologischen als vielmehr 
im Märchen- und Traumdrama, die ja beide im Grunde nur 
dadurch verschieden sind, daß im Märchen eine phantastische 
Handlung alsbald einsetzt, während im Traumdrama erst 
innerhalb des Stückes selbst die Fabel von einem realen 
Untergrunde in phantastische Handlungen übergeführt wird. 
Technisch nahegelegt aber wurde diese entschiedene Reaktion
	        
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