Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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noch außerdem von dem Augenblick an, da die physiologisch— 
impressionistische Kunst bis zu einer solchen Kraft der Illusions— 
fähigkeit gesteigert war, daß man ihr das Vermögen zutrauen 
konnte, selbst das Märchen- und Traumhafteste auf der Bühne 
wahrscheinlich zu machen. Mit dem Traum- und Märchen— 
drama aber verbanden sich alsbald, bald laut, bald leise, sym— 
bolistische Elemente. Das Märchen und der künstlerische 
Traum, die seherische Dichtung, sind Formen urzeitlicher 
Phantasiethätigkeit: in frühen Zeiten treten sie instinktiv und 
spielerisch auf, ohne tiefen Inhalt oder wenigstens so, daß ihre 
Träger sich dieses Inhalts, wenn er da ist, nicht voll bewußt 
werden. Gewiß wird nun namentlich das Märchen auch heute 
noch so fortgebildet, aus bloßer Lust am Fabulieren; aber es 
bildet als solches nicht eine entwicklungsgeschichtlich bedeutungs— 
volle Form unserer Dichtung. Wo Traum und Märchen sich heute 
der hohen Poesie nähern, da geschieht das vielmehr nicht trieb— 
mäßig, sondern bewußt, und darum steht hinter diesen Formen 
jetzt stets ein höherer Gehalt: und die äußeren Vorgänge 
erscheinen symbolisch. Wir sehen in solchem Falle das bunte 
Spiel der Vorgänge, bei dem wir uns nicht beruhigen, gleich— 
sam als einen Vorhang an, den es zurückzuschlagen gilt, um 
hinter ihm das eigentliche Ereignis zu erblicken. 
Symbolismus in diesem Sinne ist also von dem modernen 
Märchendrama unzertrennlich, es sei denn, daß dieses musikalisch 
abgewandelt wird in der Art, daß es durch die Musik zunächst 
aur, der urzeitlichen Wirkung gleich, auf die Nerven und von 
diesen erst auf die Empfindungen und Gefühle gehen will. 
Darum haben schon die Romantiker das Märchen symbolisiert. 
Und ein Gleiches wie vom Märchen gilt von der Heldensage, 
insofern sie im modernen Drama aufleben soll. Bereits in Hebbels 
„Nibelungen“ beruhen die Abweichungen von der Gestaltung 
der Sage im alten Epos vornehmlich auf der Einführung sym— 
bolischer Züuge; und die Personen sind fast nur noch Träger 
von Ideen. Ähnlich steht es bekanntlich auch schon mit den 
in diesem Zusammenhang in Betracht kommenden Musik— 
dramen Wagners. Und schreitet der Dichter heute zur Ein— 
vamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 29
	        
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