Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
„Vasantasena“ auf die Bühne brachte. Volle Berührung mit 
der naturalistisch-impressionistischen Richtung und damit volle 
Einordnung in den allgemeinen litterarischen Verlauf gewann 
das neue symbolistische Drama aber erst durch Gerhart Haupt— 
manns Fiebertraumstück „Hannele“. 
Hauptmann hat im ganzen drei symbolistische Dramen 
geschaffen, „Hannele“ (1893), die „Versunkene Glocke“ (1898) 
und „Schluck und Jau“ (1899). Von ihnen verhält sich 
Schluck und Jau“ zu den beiden anderen Stücken etwa so 
wie der „Biberpelz“ oder „College Crampton“ zu den natura— 
listischen Familiendramen: es ist, wie Hauptmann es ausdrückt, 
ein Spiel zu Scherz und Schimpf, eine Art Tragikomödie, eine 
scherzhafte, humoristische Auflösung gleichsam der symbolistischen 
Kunstform. Den Gipfelpunkt aber der symbolistischen Kunst 
Hauptmanns bezeichnet die „Versunkene Glocke“, wie „Hannele“ 
den Anfang. „Hannele“, im Grunde eine einzige große Scene, 
ttellt die Fieberträume eines unglücklichen jungen Mädchens 
dar, das, ein Bastardkind, von seinem Stiefvater, einem rohen 
Maurer, aufs schändlichste behandelt, gemartert, geschlagen und 
schließlich in die dunkle Nacht hinausgestoßen, in halber religiöser 
Ekstase den Tod im Dorfteiche gesucht hat, aus dem es einen 
Zuruf der ihm im Tode vorangegangenen Mutter zu hören 
geglaubt, das aber noch lebend aus dem Wasser gezogen worden 
ist. Im Armenhause von der milden Hand des Schulmeisters 
gebettet, von dem treuen Auge einer Diakonissin bewacht, er— 
schaut nun Hannele in Visionen, die dem Zuschauer in voller 
Gegenwärtigkeit vorgeführt werden, ihr letztes Stündlein, ihren 
Tod und die Vorbereitungen zu ihrer Fahrt in den Himmel: 
Begebenheiten, in denen sich die persönlichen Anschauungen 
eines braven Menschenherzens, biblische Züge und volkstüm— 
liche Überlieferungen, Individuelles und Allgemeines, Ver— 
quickungen einer jungfräulich sich regenden Neigung zu dem ver— 
ehrten Schulmeister mit Funken himmlischer Liebe zu einem er— 
greifenden Ganzen mischen. 
Vom formalen Standpunkte aus betrachtet ist „Hannele“ 
in überaus schwieriger Versuch symbolistischer Dramatik. Der
	        
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