Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Dichter traut sich eine solche Gewalt der Illusion zu, daß er rea— 
— DD 
feinsten Gewebe supranaturalistischer Vorgänge stellt. Ist nun 
diese Kraftprobe der impressionistischen Technik sowohl in den 
diesseitigen wie in den jenseitigen Scenen gelungen? Nach 
dem Durchschnitt der Aufnahme, die das Drama bei den Zu— 
schauern gefunden hat, sollte man glauben: ja!. Doch scheint 
die Zahl derjenigen, welche der jähe Wechsel von Himmel und 
Erde gleichwohl aus der Illusion gerissen hat, nicht ganz gering 
zu sein; und jedenfalls hat der Dichter selbst in seinem symbo— 
listischen Hauptwerk, der „Versunkenen Glocke“, den Gegensatz 
gemildert. Wodurch, kann erst nach einer kurzen Übersicht über 
den Inhalt dieses Dramas verdeutlicht werden. 
Die „Versunkene Glocke“ ist im Grunde die Mär von der 
Unmöglichkeit des schöpferischen Triebes des Pantheismus, falls 
er alle Weiten seiner Weltanschauung ausmessen will. Wir 
werden in eine Märchenumgebung versetzt, in der zwei Welten 
sichtbar vorgeführt werden, außerdem aber zwei Welten sinnlich 
anklingen. Die beiden ersten Welten sind die der Menschen 
und die einer Natur, deren Kräfte, wenn auch untermenschlich, 
so doch psychisch belebt gedacht werden und in Gestalten 
deutsch-volkstümlicher Phantasie verkörpert sind: dem Nickel— 
mann, dem Waldschratt, den Elfen, den Holzmännerchen und 
Holzweiberchen. Zwischen beiden Welten vermitteln die alte 
Wittichen, ein Waldweib im Gebirg, das von den Menschen 
drunten im Thal für eine Hexe gehalten wird: eine menschliche 
Gestalt, der die Naturgewalten familiär sind, und Rautendelein, 
eine Extraktgestalt gleichsam der Kräfte der Natur, die sich hin— 
sehnt in die höher beseelte Welt der Menschen. Die beiden 
nur anklingenden Welten sind die des Christentums mit seinem 
Gefühl der Sünde und seinem Gebot der Reue, mit seiner 
Überzeugung, daß der Mensch aus eigenen Kräften nichts ver— 
möge und gut sein könne nur aus der Macht des Christengottes, 
Interessant sind die Bemerkungen Schlenthers, Hauptmann? 
S. 181f., über die Schwierigkeiten der schauspielerischen Bewältigung.
	        
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