Dichtung.
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Dichter traut sich eine solche Gewalt der Illusion zu, daß er rea—
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feinsten Gewebe supranaturalistischer Vorgänge stellt. Ist nun
diese Kraftprobe der impressionistischen Technik sowohl in den
diesseitigen wie in den jenseitigen Scenen gelungen? Nach
dem Durchschnitt der Aufnahme, die das Drama bei den Zu—
schauern gefunden hat, sollte man glauben: ja!. Doch scheint
die Zahl derjenigen, welche der jähe Wechsel von Himmel und
Erde gleichwohl aus der Illusion gerissen hat, nicht ganz gering
zu sein; und jedenfalls hat der Dichter selbst in seinem symbo—
listischen Hauptwerk, der „Versunkenen Glocke“, den Gegensatz
gemildert. Wodurch, kann erst nach einer kurzen Übersicht über
den Inhalt dieses Dramas verdeutlicht werden.
Die „Versunkene Glocke“ ist im Grunde die Mär von der
Unmöglichkeit des schöpferischen Triebes des Pantheismus, falls
er alle Weiten seiner Weltanschauung ausmessen will. Wir
werden in eine Märchenumgebung versetzt, in der zwei Welten
sichtbar vorgeführt werden, außerdem aber zwei Welten sinnlich
anklingen. Die beiden ersten Welten sind die der Menschen
und die einer Natur, deren Kräfte, wenn auch untermenschlich,
so doch psychisch belebt gedacht werden und in Gestalten
deutsch-volkstümlicher Phantasie verkörpert sind: dem Nickel—
mann, dem Waldschratt, den Elfen, den Holzmännerchen und
Holzweiberchen. Zwischen beiden Welten vermitteln die alte
Wittichen, ein Waldweib im Gebirg, das von den Menschen
drunten im Thal für eine Hexe gehalten wird: eine menschliche
Gestalt, der die Naturgewalten familiär sind, und Rautendelein,
eine Extraktgestalt gleichsam der Kräfte der Natur, die sich hin—
sehnt in die höher beseelte Welt der Menschen. Die beiden
nur anklingenden Welten sind die des Christentums mit seinem
Gefühl der Sünde und seinem Gebot der Reue, mit seiner
Überzeugung, daß der Mensch aus eigenen Kräften nichts ver—
möge und gut sein könne nur aus der Macht des Christengottes,
Interessant sind die Bemerkungen Schlenthers, Hauptmann?
S. 181f., über die Schwierigkeiten der schauspielerischen Bewältigung.