Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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ihn an — er besiegt sie anscheinend: da treffen ihn die tiefsten 
Harmonien, die Grundtöne christlich-menschlicher Lebens— 
auffassung: er erfährt, daß sein Weib das Opfer seines über— 
menschlichen Strebens geworden ist; seine Kinder erscheinen 
vor ihm mit dem bauchigen Krüglein, in das sie die Thränen 
der Mutter gesammelt; von dem Schemen der Mutter, die sich 
in den Bergsee gestürzt hatte, berührt, tönt die versunkene 
Glocke in immer stärkeren Pulsen hinauf in seine andere Welt. 
Da wird er schwach: er verläßt den Ort seiner neuen Wirk— 
samkeit, verläßt Rautendelein, bricht mit Natur und Natur— 
gewalten. Aber die Schwäche rächt sich an ihm; er ist seinem 
Innersten untreu geworden, und so bleibt ihm nichts übrig 
als der Tod, der ihn mitleidig aufsucht. 
Man sieht: auch hier ist das Schema des naturalistisch— 
impressionistischen Dramas der früheren Zeit des Dichters noch 
nicht oder wenigstens noch nicht völlig verlassen: die Anlage 
zu einem Aufgehen und Scheitern in schöpferisch-drangsamem 
Pantheismus liegt bei Heinrich vor; ausgelöst wird sie durch 
seine Bekanntschaft mit der zweiten Welt. Nur daß diese 
Welt sich weniger in die seine eindrängt, als daß er sie auf— 
sucht. Dadurch wird der Held des Dramas aktiv; er leidet 
nicht nur, er verteidigt sich nicht bloß, er kämpft, er hat die 
Kraft vorwärts weisenden Wollens. So kommt mehr Handlung 
in das Stück; es ist nicht nur in der Art der naturalistischen 
Stücke Katastrophe; dem Schicksal tritt nicht bloß ein mit dem 
— 
Welt geschaffener und dieser zustrebender Mensch entgegen: und 
so zermalmt es zwar, wie früher, aber erst nach langem und 
wechselvollem Widerstand. Und in diesem Kampfe handelt es 
sich nicht mehr um die bloße halb physiologische Frage des 
Daseins, sondern um die höchsten Probleme der Menschheit. 
Gewiß ist Heinrich ein Zeittypus; er ist in gewissem Sinne 
der Nietzschesche Ubermensch und er verkörpert das künstlerische 
Schaffensideal, das wenige Jahre vor dem Erscheinen der „Ver— 
sunkenen Glocke“ in Langbehns Buche „Rembrandt als Er— 
zieher“ als das höchste menschliche Ideal überhaupt bezeichnet
	        
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