Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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CTonkunst. 
lung charakterisiert, nur durch Handlung liebt und verurteilt, 
er ließ sich nicht unterdrücken. So dehnte sich das Ganze zur 
Trilogie aus, und diese Schwierigkeit ist durch den unerhörten und 
vielfach narkotisierenden, gelegentlich aber auch zerstreuenden 
Glanz der Instrumentation wie die Reichtümer des musikalischen 
Lyrismus wohl verdeckt, nicht aber beseitigt. 
Gewiß, das Wagnersche Kunstwerk der zweiten Periode be— 
durfte der Sagenstoffe mit ihrer Läuterung zeitlicher Vorgänge 
ins Reinmenschliche; aber dies Reinmenschliche mußte zudem in 
einfacher Handlung, in wenigen verinnerlichten Zügen gegeben sein. 
Welche Stoffe hätten sich da, in diesem Wettbewerb ganz be— 
stimmter Forderungen, dem Meister wohl mehr gefügt als,Tristan 
und Isolde“ und „Parsifal“ — die mittelalterlichen Heldenlieder 
der weltlichen und der Gottesminne? Ist's ein Zufall, daß 
beide schon in unserer großen mittelalterlichen Dichtung ge— 
würdigt worden sind, je von dem tiefsinnigsten und von dem 
sinnenfreudigsten Dichter der Zeit behandelt zu werden? 
„Tristan und Isolde“, 1854 empfangen, stellt sich zu dem 
Nibelungenring“ schon auf den ersten Blick dadurch in Gegen— 
satz, daß Personenzahl und äußere Handlung aufs denkbar 
Einfachste beschränkt sind. Im Vordergrunde stehen eigentlich 
nur zwei handelnde Gestalten, die Helden des Titels; alle 
anderen Personen gehören dem zweiten und dritten Plane an. 
Und nur eine Handlung im engsten Sinne beherrscht das 
Ganze: die Liebestragödie Isoldens und Tristans. Und noch 
mehr: über die drei großen innerlichen und entscheidenden 
Momente, in denen diese Tragödie hervorbricht, wird die Ein— 
heit des Ganzen noch hinausgeführt und vertieft, indem im 
Grunde nicht einmal die Hauptgestalten, sondern das sich in 
ihnen verkörpernde, sie ganz beherrschende eine Gefühl, die 
Liebe, zum Diapason des Stückes gemacht wird. Von ihr, 
der Frau Minne, die so oft angerufen wird, geht im eigent— 
lichsten Verstande die belebende Wärme und die ununterbrochen 
einheitliche Wirkung des Stückes aus; wie denn Wagner in 
einem Briefe an Liszt bekennt, daß die Sehnsucht nach Liebe 
und die Sehnsucht nach dem Tode in der eigenen Brust die
	        
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