Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Jau sind zwei arme Teufel und Trunkenbolde, die an den 
Thoren eines märchenhaften Fürstenschlosses aufgegriffen werden 
und durch entsprechende Simulationen des Hofpersonals unter 
Teilnahme des wirklichen Fürsten dazu gebracht werden sollen, 
sich selbst für Fürst und Fürstin zu halten: ein Experiment, 
das bei Schluck zum Erschrecken gut, bei Jau, hier auch nicht 
in seinem ganzen möglichen Umfang unternommen, weniger 
gelingt. Der Stoff ist alt, die Behandlung schwerfällig. 
Zwar führen die bewußten Anlehnungen an Shakespeare sowohl 
in der Sprache wie in der Zeichnung der beiden Rüpel, der 
heitere Märchenton, der namentlich bei Erwähnung der zarten 
Liebe des Fürsten zur Sidselill angeschlagen wird, und nicht 
minder auch die skizzierende Art der Charakterzeichnung in der 
Schilderung des Hofes und Hofgesindes ohne Fährlichkeit in 
das romantische Land, das hier und da etwa als das Land der 
französischen Liebeshöfe angedeutet wird. Aber man sieht: was 
den Dichter eigentlich fesselt, ist doch nicht die bunte Seifen— 
blase eines verworrenen Geschehens, sondern die Charakteristik 
der seelischen Regungen im Grunde nur einer Person, des 
armen Muß-Fürsten Schluck. Auch insofern stellt sich „Schluck 
und Jau“ neben „Kollege Crampton“. In beiden Stücken 
liegen zunächst und eigentlich Charakterstudien vor. 
Und begann nicht auch schon in der „Versunkenen Glocke“ 
im Grunde das psychologische Interesse zu überwiegen? Aus 
dem Symbolismus heraus schreitet der Dichter einer neuen Ent— 
wicklungsperiode, der eines ausgesprochenen Psychologismus, zu. 
Indes war die Periode des Traum- und Märchendramas 
mit den Werken Hauptmanns keineswegs erschöpft und ab— 
geschlossen. So brachte z. B. auch Ernst Rosmer (Elsa Bernstein) 
nach Dramen eines naturalistischen Impressionismus, der aus 
dem Physiologischen schon stark ins Psychologische übergriff, 
in den „Königskindern“ von 1895 ein Märchendrama. Aber 
entwicklungsgeschichtlich gelangte die Dichterin doch nicht über 
den scharfen Dualismus von Naturalismus und Phantasma 
hinaus, der „Hannele“ kennzeichnet, wenn sie auch zur Ver— 
söhnung des Gegensatzes ein neues Moment, nämlich die Ver—
	        
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