Dichtung.
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deren Umrisse gleichsam duftig komponiert sind wie die Konturen
in gewissen Gemälden der Kunst der Farbensymphoniker; ähnlich
zeichnet Schnitzler in seinen frühesten Dichtungen; noch weiter
endlich geht Ernst Rosmer, eine Dichterin, für deren von Anfang
an zerflatternde und stimmungsvollere Produktion der Name
des Dramas „Dämmerung“ vom Jahre 1883 charakteristisch
ist. Gleichzeitig aber mit ihr, ja vielleicht noch früher finden
sich Spuren lyrischer Erweichung auch schon in den Dranen
Hartlebens, des heimlich sentimentalen, offen ironischen Dichters,
so in der „Angèle“ von 1891, in „Hanna Jagert“ von
1893 u. a. m.
Als dann neben dem naturalistischen Drama die Märchen—
und Traumdichtung mit all ihren symbolistischen Elementen
erblühte, da lag es in der Natur auch dieser Entwicklung,
daß zugleich der dramatische Lyrismus stieg: denn Symbole
wirken immer auf die langsam aufquellende, lyrisch charakte—
risierte Empfindung. Der Zusammenhang zeigt sich schon
darin, daß diese Dramen wieder das musikalische Element, den
Vers begünstigen; unmittelbar zu Tage tritt er in Hauvptmanns
„Versunkener Glocke“.
Zum besonderen Kunstwerk ist das Drama der lyrischen
Erweichung dann durch die namentlich neurologischen Experi—
menten nachgehende Gruppe um George und Hofmannsthal,
vor allem durch Hofmannsthal selbst entwickelt worden; von
ihm haben wir die Dramen „Gestern“ (1892), „Der Tod
Tizians“ (1892), „Der Thor und der Tod“ (1894), „Die
Hochzeit der Sobeide“ (1899) und „Der Abenteurer“ (1899).
In kleinen Scenen finden wir hier die große formale Kunst
dieser Gruppe und vor allem Hofmannsthals selbst wieder:
die Verse schmeicheln sich wie Musik ins Ohr; und nicht selten
werden Töne hoher elegischer Weichheit angeschlagen. Aber das
Ergebnis des Anhörens mehrerer von diesen Stücken ist dennoch
die Eintönigkeit, wenn auch die Eintönigkeit der Anmut.
Kann es gelingen, das Drama, die objektivste aller
Dichtungsformen, mit persönlichen Stimmungselementen so zu
durchtränken, daß wir jeden Augenblick den Dichter vernehmen,