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Dichtung.
ohne daß die Gattung leidet? Schwerlich: die idealischen
Elemente des großen Dramas müssen anderswoher kommen:
aus einem Glauben, der Autor und Publikum zugleich und
gleichmäßig erschüttert. Das wesentlich neurologische Drama
aber ist ein Kind nervöser Einsamkeit und aristokratisch zurück⸗
gezogener Empfindung. So wird es, selbst im Falle günstigster
psychologischer Veranlagung seiner Dichter, doch nur ein Neben—
schoß bleiben am Baume der Dichtung auch der Gegenwart.
Ist aber diese psychologische Begabung selbst bei Hofmanns—
thal, um von den Kleineren zu schweigen, in jenem hohen Maße
vorhanden, das für das moderne Drama unerläßlich ist? In
seinem „Thor und Tod“ läßt Hofmannsthal Claudio sagen:
Was weiß ich denn vom Menschenleben?
Bin freilich scheinbar drin gestanden,
Aber ich hab' es höchstens verstanden,
Konnte mich nie darein verweben,
Hab' mich niemals dran verloren.
Es könnten Verse eines Selbstbekenntnisses sein, so sehr ent⸗
spricht ihrem Inhalt der Charakter des Dichters. Und nicht bloß
der des Dichters allein, sondern sogar der der ganzen Gruppe.
Hofmannsthal und verwandte Naturen sind viel zu sehr reizsame
Neurologen, um Dramatiker zu sein. Sie haben die Welt
der eigenen inneren Erfahrung abgetastet und abgelauscht bis
auf die Nerven: daher die wunderbare Fülle ihrer Stimmungen.
Aber die äußere Welt kennen sie gleichsam nur verstandes—
mäßig, denn die Nervenbeobachtung bildet nur den Sinn für
verstandesmäßige Zergliederung aus. Und sie kennen die Welt
auch nur oberflächlich, denn sie sind viel zu viel nur mit sich be⸗
schäftigt. Wie sollten sie da Dramatiker sein? Der Dramatiker
wende seine Augen vor allem von sich weg: Kenntnis der
Erscheinungs- und der Menschenfülle außer ihm sei seine erste
Aufgabe. Erst an zweiter Stelle beobachte er dann scharf sein
Inneres, um sein grundsätzlichstes Streben durch Selbsterkenntnis
ergänzend zu vertiefen.
Gewiß war es nichtsdestoweniger entwicklungsgeschichtlich
gleichsam nötig, das Drama bis in das Extrem der lyrischen Er—