Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Marionetten gegeben werden sollen —; keine Anzeichen inner— 
licherer Motivierung, keine folgerichtige Geschlossenheit; im Gegen— 
teil: Wunder auf Wunder und Spiritismus an allen Enden. 
Soweit dabei von einer Psychologie die Rede ist, ist es die 
der Urzeit und das heißt eben des Märchens: impulsive Ent⸗ 
schlüsse, die stets unmittelbar ausgesprochen werden; ewige Ana— 
logieschlüsse an Stelle kausalen Denkens ; Glaube an Zeichen 
und Vorbedeutungen; Zulassung der Natur als einer mit ihren 
Wirkungen ständig in das menschliche Leben eingreifenden gleich— 
berechtigten Macht, einer Kameradin gleichsam der menschlichen 
Gesellschaft. Und in diesen Grenzen eines urzeitlichen Denkens 
herrscht auch urzeitliche Empfindung: alles fällt auf die Nerven 
allein, und von ihnen aus reagieren unmittelbar alle Gestalten. 
Aber freilich: dieser ganze geistige Zustand wird nicht naiv 
wirksam in dem Sinne, daß der Autor in ihm instinktiv und 
triebmäßig lebte, geschweige denn, daß die Hörer dazu ein⸗ 
geladen würden, dies zu thun, sondern er wird bewußt und 
raffiniert durchgeführt mit den äußersten Mitteln eines modernen 
neurologischen Impressionismus. 
Das Ergebnis ist natürlich, daß alles seltsam und sonder⸗ 
bar erscheint — seltsam und sonderbar sind Maeterlincks Lieb⸗ 
lingsworte —, daß die Gestalten der Bühne wie noch mehr 
die Zuschauer von einer Nervenerregung in die andere fallen, 
daß sie verängstigt und erschrocken werden in dem Grade etwa, 
wie der Mensch unvordenklicher Zeiten einmal voll Grauens 
unbegreiflichen Naturgewalten gegenübergestanden haben mag. 
Und dieser Charakter der Dichtung wird noch gesteigert durch eine 
absichtlich unbeholfene Formgebung und gelegentliche Span— 
nungen der Unverständlichkeit — Aufschiebungen nötiger Er— 
klärungen, vorfrühe Einführung von Momenten und Gestalten, 
die eigentlich erst viel später gebraucht werden, u. dergl. mehr. 
Was ist nun die Wirkung dieser sonderbaren Dichtung? 
In „Princesse Maleéine“ erklärt der König einmal: „Jeder, 
der hierher kommt, wird krank.“ Das ist es. Diese Poesie 
fällt auf die Nerven; kein Zufall, daß eines Sinnes Beraubte, 
Blinde, Taube, daß Irrsinnige öfters in Maeterlincks Dramen
	        
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