Dichtung.
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vorkommen. Die Wirkung ist fast direkt und beinah aus—
—ö
wicklung zeigt sich in gewissem Sinne vollendet: von der Dar—⸗
stellung der physiologischen Erscheinungen ging sie aus und
reduzierte deren Wirkungen auf Nerveneindrücke; jetzt schließt
sie mit einem Apparat äußerer dramatischer Erscheinungen,
deren ausgesprochene Absicht es ist, fast nur noch nervöse Er—⸗
regung hervorzurufen.
Freilich: ebenso richtig ist es, zu sagen, daß diese Erregung
bei anderen nicht eintreten würde, wäre sie nicht in der
untersten Stufe gleichsam des Seelenlebens, in dem Nerven—
raum des Dichters vorhanden gewesen, und hätte er nicht für
sie in seinen Dramen den für ihr Wirken auf die moderne
Seele eben notwendigen und entsprechenden Ausdruck ge—
funden. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet handelt es
sich bei den Dramen Maeterlincks um neurologische Stimmungs—
dramen ausgesprochensten Charakters, ja um eigentlich mehr
als rein subjektive Stimmungsdramen: denn da das in ihnen
vertretene mythische und Märchenelement wenigstens für das
seelische Empfinden und Auffassen weit zurückliegender Zeiten
der objektiven Wirklichkeit angehörte, so wird ihnen auch für
das Empfinden der Gegenwart noch etwas von jener Wirk—
lichkeit, als ein psychisches Sediment gleichsam aller Urzeiten
und Mittelalter, zu teil: sie wirken wie Gespensterscenen auf
noch halb und im stillsten Stillen gespenstergläubige Gemüter.
Ist es bei diesem Zusammenhange verwunderlich, daß
Maeterlinck persönlich sehr bald stärkste, durchaus mittelalterliche,
ja urzeitliche Spuren religiöser Gebundenheit verriet, daß er,
Spiritist schon bei Abfassung der „Princesse Maleine“, später
Mystiker ward und Sucher eines urzeitlich gebundenen Gottes—
—
des Humbles“ (1806) zeigt diese Entwicklung vollzogen.
In Deutschland hat Maeterlinck anfangs wenige unmittel⸗
bare Nachahmer gewonnen, wenngleich seine erstaunliche tech—
nische Kunst früh Bewunderer fand: neuerdings dagegen scheint
sein Einfluß ein wenig im Wachsen zu sein: Ernst Rosmer