Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
z. B. geht in einer jüngeren Schöpfung, „Mutter Maria“, ent—⸗ 
schieden seiner Kunst neurologischer Wirkungen nach. 
Entwicklungsgeschichtlich aber wird man Maeterlinck mit 
den deutschen Stimmungsdramatikern zusammenstellen müssen. 
So verschieden die Technik auf beiden Seiten ist, so ver— 
wandt ist das Ausgehen von der Nervengrundlage und das 
Drängen in die Stimmung: nur daß diese Stimmung bei den 
Deutschen mehr subjektiv gefaßt und darum mehr von der 
Person des Dichters her dem Zuhörer vorgetragen wird, 
während der Vlame, wie gesagt, mit objektiven Momenten 
vergangener Zeiten arbeitet, die der Gegenwart nur noch als 
Stimmungswerte gegenwärtig sind, und daher imstande ist, 
diese Momente mehr aus den gegenständlichen Erscheinungen 
des Dramas selbst heraus im Zuhörer wachzurufen. Läßt sich 
aber darum Maeterlinck schon als „objektivistischer Idealist“ 
bezeichnen? Ersetzt seine halb objektive Stimmungsgrundlage 
dem modernen Menschen wirklich eine Weltanschauung? Keines— 
wegs, vielmehr wird diesem der Weg, den Macterlinck ein— 
geschlagen hat, bei klarer Überlegung um so weniger zum Ziele 
zu führen scheinen, je wahrhaft moderner er selbst im Grunde 
seines Herzens fühlt, — und das, was daher an Maeterlinck 
anziehend bleiben wird, wird schließlich doch nur die rein neuro— 
logische Grundlage sein. 
Und so weist denn auch der Entwicklungsgang des neu— 
rologischen Dramas wieder darauf hin, daß es mit rein impressio— 
nistischen Experimenten, selbst unter Dreingabe irgendwelcher 
Stimmung, auf dem Gebiete des Dramas nicht gethan ist: daß 
vielmehr festere Elemente einer objektiven Weltanschauung der 
Gegenwart hinzukommen müssen, soll eine große dramatische 
Kunst entstehen. Elemente einer solchen Weltanschauung aber 
sind vielfach konservative Elemente: und so begreift es sich, 
daß man, indem man das Bedürfnis dunkel fühlte, den Blick 
rückwärts wandte in die Vergangenheit: Versuche der Ver— 
quickung von alt und neu, UÜbergangsstufen zwischen dem Drama 
von heute und gestern haben schließlich am meisten das Be— 
dürfnis eines Dramas großer Weltanschauung gefördert. Freilich
	        
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