Tonkunst.
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Motive seines Schaffens gewesen seien. Daß damit zugleich
eine rein symphonische Durchführung der musikalischen Seite
gewährleistet war, leuchtet nach früheren Ausführungen ein.
„Sehnsucht, Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebärendes
Verlangen — Schmachten und Dürsten; einzige Erlösung: Tod,
Sterben, Untergehen, Nichtmehrerwachen“: so hat Wagner selbst
sein Tristandrama bezeichnet. Und könnten diese Empfindungen
nicht ohne weiteres Unterlagen einer bloß musikalischen sympho—
nischen Dichtung sein?
„Parsifal“, das letzte große Werk, mit dem sich der Meister
seit 1837, seit seinem vierundvierzigsten Lebensjahre trug, über—
schreitet noch die Stufe der in „Tristan und Isolde“ gefundenen
Lösung. Denn hier ist der objektive Mittelpunkt, die centrale
Sonne des Stückes gleichsam nicht bloß ein noch so eindring—
liches Gefühl; es ist vielmehr ein sinnlich-symbolisches Element
von erhabener Majestät: der Gral; und die an sein Wesen an—
knüpfenden mannigfachen Stimmungen der Reinheit, des frommen
Sichhingebens, der unnahbaren Hoheit, des gottgesandten
Wunders ergeben das Grundgewebe der symphonischen Dichtung.
Lebendig aber werden diese Stimmungen, konkret gewendet treten
sie hervor in der Geschichte Parsifals, des weltentrückten reli⸗
ziösen Genies, des „reinen Thoren“. Der Gral adelt die
Seele des kühnstürmenden, kraftüberhobenen Jünglings durch
Erregung des tiefsten menschlichen und zugleich überirdisch—
religiösen Gefühls, des Mitleids. Mitleid schmilzt seine Seele
am: das ist das Geheimnis der gänzlich vereinfachten Hand—
lung. die in die tiefsten Schächte reinen Seelenlebens führt
und von da aus zum Sittlichen, vom Sittlichen zum Göttlichen
mporstrebt.
Wagner hat, nach unendlichen Mühen seines Lebens, im
Jahre 1882 noch die Aufführung des „Parsifal“ erlebt; 1883 ist
er gestorben. Hätte er noch Größeres geben können? Eins ist
sicher: der Wunsch ist ihm geworden, sein Kunstwerk durch
innere Läuterung bis in die Höhen jener Empfindungswelt
hinaufzuheben, der er immer hat dienen wollen, deren neuer