Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Dichtung. 
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Ende“ (1891), die „Heimat“ (1893), „Die Schmetterlings⸗ 
schlacht“ (1895), „Morituri“ (drei Einakter: „Teja“, „Fritzchen“, 
„Das Ewig-Männliche“, 1896), „Das Glück im Winkel“ 
(1896), „Johannes“ (1898) und „Johannisfeuer“ (1900). 
Bezeichnend für den Dichter ist schon, daß gerade sein 
erstes großes Drama, die „Ehre“, obwohl erst dem Jahre 1890 
angehörig, nicht eigentlich als naturalistisch bezeichnet werden 
kann. Es ist noch ein Thesenstück im Sinne der Comédie 
des moœurs, von der Sudermann überhaupt ungemein, nament-— 
lich für die künstlich verschränkte Scenenführung, gelernt hat. 
Und auch die eigentliche Technik, die äußere Form, ist keines— 
wegs impressionistisch. Sie trägt vielmehr ebenfalls den 
Stempel des fortgeschrittensten französischen Realismus der 
Dumas Kils, Augier und Sardou. Möglich daß dieser Zu— 
sammenhang dadurch noch stärker geworden ist, daß Sudermann 
das Stück unter Beirat Blumenthals einer Bearbeitung unter⸗ 
zogen hat. Im Stücke selbst wird die These, ganz nach der be— 
sonders von Dumas kils geübten Art, durch eine ausdrücklich als 
Chorus eingeführte Person, den Grafen Trast, vertreten. Sie 
lautet im Obersatz: „Mein Herz pflegt stets in dem Takte zu 
schlagen, welchen die Sitte des Landes verlangt, dessen Gast— 
freundschaft ich genieße. Denn ich mache mich gern zum 
Sklaven des Milieus.“ Hieraus wird dann abgeleitet, daß 
es sehr verschiedene Ehrbegriffe gebe, und aus dem Konflikt 
dieser verschiedenen Begriffe, so wie sie in Deutschland nach 
der Abstufung der bürgerlichen Entwicklung differenziert er— 
scheinen, erwächst das Drama. Im übrigen, innerhalb der 
damit gegebenen Idee und der Technik des französischen Realis— 
mus, bewegt sich der Autor sofort als ein überaus begabter 
Dramatiker, der streng architektonisch zu gliedern weiß, der mit 
großer Sicherheit Höhen und Tiefen der Handlung schafft, und 
der höchstens durch die übergroße Feinheit in dem Ineinander— 
flechten der Motive, durch die raffiniert und anscheinend fast 
phantasielos kalkulierte Verklammerung der Handlung leicht 
etwas wie Kälte hervorruft. 
Der äußere Erfolg des Stückes war außerordentlich; sehr 
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