Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst 
Aufbau zu höherem Wert und Glanz sein ganzes Herz erfüllte, 
der religiösen. 
Denn Wagner war im Tiefsten eine religiöse Natur; und 
nur aus seiner Weltanschauung als einem Ganzen ist der wesent— 
liche Inhalt seines Lebens zu verstehen. Es ist davon noch später 
zu sprechen. Sehen wir aber auf sein äußerliches Werk, wie 
wir es soeben in flüchtiger Umschau durchwandert haben, so 
springt schon jetzt in die Augen, daß es in zweierlei Richtung 
über die Vergangenheit hinausging: es beruhte auf einer bis 
dahin unerhört innigen Verknüpfung der redenden und musischen 
und — da es dem Theater angehörte — auch der nachahmenden 
und der bildenden Künste: es war ein Gesamtkunstwerk; und 
weiter: es entwickelte in sich aus der innigen Durchdringung 
der Künste, vor allem der redenden und der musischen, eine neue 
musikalische Form, die Form der symphonisch-theatralischen 
Dichtung. 
Hat es damit tieferen Entwicklungsrichtungen Ausdruck ge⸗— 
geben? Mit der Beantwortung dieser Frage steht und fällt die 
geschichtliche Bedeutung Wagners als Künstler. Wir suchen 
diese Frage zunächst für die musikalische Seite, für die sympho— 
nische Dichtung zu beantworten. Soll das aber gründlich ge— 
schehen, so dürfen wir uns einen kurzen UÜberblick über die 
Entwicklung der abendländischen, insbesondere deutschen Musik 
seit etwa einem Jahrtausend nicht verdrießen lassen.
	        
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