Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
und begriff, daß es auch auf diesem Gebiete Grenzen der Fort— 
bildung gäbe, wie sie in der That durch die allgemeine seelische 
Potenz der Zeit gesteckt sind und jetzt erreicht schienen? Schon 
früh, mit dem Eintritt mehr individualpsychischer Betrachtung, 
sah man sich naturgemäß auf die tiefere Durchdringung der 
Charaktere gegenüber der Handlung und gegenüber der Umwelt 
hingewiesen und fand in diesem Wechsel des Interesses auch 
die Aufforderung, wieder an jene Momente zu denken, welche 
die Charaktere verbinden. Und damit ergab sich zwar noch 
nicht der Gedanke an die Weltanschauung als eine das Handeln 
der Gestalten beherrschende und sie zugleich idealisierende 
Macht — aber doch ein Schritt in dieser Richtung. Das 
Stimmungsdrama kam auf: nicht seine Weltanschauung trug 
der Dichter in die Handlung seines Dramas hinein, wohl aber 
ein mehr AÄußerliches seiner Persönlichkeit, seine Stimmung. 
Es ist ein Zug gleichsam anfänglicher, primitiver Idealisierung. 
Allein: kann eine solche Idealisierung bloß durch eine per— 
sönliche Stimmung erreicht werden? Keineswegs, denn — wie 
schon einmal früher bemerkt — das Motiv, das idealisiert, 
muß in der Offentlichkeit des Publikums wirken, muß objektiv, 
muß dem Dichter und den Zuschauern gemeinsam sein. Mehr 
als vielleicht sonst irgendwo in der Dichtung drängt sich hier 
eine Ablehnung rein subjektiven Empfindens auf: eine Welt— 
anschauung muß es sein und, da es sich um menschliches 
Handeln dreht, vor allem die sittliche Seite einer Weltanschauung, 
die klärend, idealisierend in die impressionistische Technik des 
Dramas eingreift, um sie zu höherem Fluge zu befähigen. 
Ethische Weltanschauung, mit Rücksicht auf die besonderen 
Absichten und das Wesen des Dramas klare Schicksalsidee — 
das ist es, was dem neuesten Drama noch mangelt. 
Warum ist man nun nicht alsbald in dieser Richtung 
weitergegangen? Ja ... wird man nicht sagen dürfen: weil 
man über die Stimmung hinaus im allgemeinen noch nichts 
Festeres zu geben hatte? Es ist kaum zu bestreiten: die ge⸗ 
wünschte, die notwendige Weltanschauung war nicht vorhanden! 
Allein etwas besaß man doch, gleichsam einen Anfang zu 
ihr: die naturalistisch-impressionistische Strömung hatte zunächst
	        
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