II.
Die Musik des frühen und hohen Mittelalters ist, soweit
ie nationale, und das heißt weltliche Kunst war, im Grunde
nur Musik der menschlichen Stimme gewesen. Natürlich gab
es Instrumente; aber sie wurden doch vornehmlich nur zur
Angabe des Rhythmus bei Tanz und Kampfesgang gebraucht;
im Verein mit der menschlichen Stimme dienten sie weiter zur
Tonfüllung des Gesanges, wirkten also wie die rohe Farben⸗
gebung innerhalb des Umrisses unserer ältesten Malerei, gleich—
sam flächen- und körperbildend. Weitere Anwendungen künst—
lerischer Art verbot schon die Unvollkommenheit ihres Tones.
Aber selbst wenn die Tongebung reiner gewesen wäre, hätten
die Instrumente dennoch nicht umfassend benutzt werden können;
dazu mangelte noch das Gefühl fuͤr Tonschattierung und Ton—
dynamik.
Denn das ist vielleicht das Bezeichnendste der Vokalmusik,
des Gesanges dieser Zeit, daß sie gänzlich entfernt noch war
von jeder Beseelung; man sang in der Weise der heutigen
kirchlich gebundenen Litanei oder so etwa, wie heute Kinder,
marschierende Soldaten, kneipende Studenten zu singen pflegen:
ohne ein Persönliches musikalischer Stimmung, dem bloßen
physikalischen Ton folgend — objektiv gleichsam und nichts als
Ohr, so daß das Herz, das Gemüt ohne merkbareren Anteil
im Ausdruck blieb. Uud so wenig wie eine Dynamik vorhanden
war, kannte man eine Schattierung der Melodie durch Harmoni⸗
fierung: der Gesang war Einzelgesang, Monodie: man sang
monoton und monodisch.