Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

II. 
Die Musik des frühen und hohen Mittelalters ist, soweit 
ie nationale, und das heißt weltliche Kunst war, im Grunde 
nur Musik der menschlichen Stimme gewesen. Natürlich gab 
es Instrumente; aber sie wurden doch vornehmlich nur zur 
Angabe des Rhythmus bei Tanz und Kampfesgang gebraucht; 
im Verein mit der menschlichen Stimme dienten sie weiter zur 
Tonfüllung des Gesanges, wirkten also wie die rohe Farben⸗ 
gebung innerhalb des Umrisses unserer ältesten Malerei, gleich— 
sam flächen- und körperbildend. Weitere Anwendungen künst— 
lerischer Art verbot schon die Unvollkommenheit ihres Tones. 
Aber selbst wenn die Tongebung reiner gewesen wäre, hätten 
die Instrumente dennoch nicht umfassend benutzt werden können; 
dazu mangelte noch das Gefühl fuͤr Tonschattierung und Ton— 
dynamik. 
Denn das ist vielleicht das Bezeichnendste der Vokalmusik, 
des Gesanges dieser Zeit, daß sie gänzlich entfernt noch war 
von jeder Beseelung; man sang in der Weise der heutigen 
kirchlich gebundenen Litanei oder so etwa, wie heute Kinder, 
marschierende Soldaten, kneipende Studenten zu singen pflegen: 
ohne ein Persönliches musikalischer Stimmung, dem bloßen 
physikalischen Ton folgend — objektiv gleichsam und nichts als 
Ohr, so daß das Herz, das Gemüt ohne merkbareren Anteil 
im Ausdruck blieb. Uud so wenig wie eine Dynamik vorhanden 
war, kannte man eine Schattierung der Melodie durch Harmoni⸗ 
fierung: der Gesang war Einzelgesang, Monodie: man sang 
monoton und monodisch.
	        
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