Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
Auf der seelischen Grundlage dieser weltlichen Musik er— 
wuchs auch die Kirchenmusik. Nur daß hier doch, beim 
Psalmodieren und sonst, vielfach der Einzelne allein sang und 
auch allein singend empfunden ward. Das führte dann bald dazu, 
daß man der einfachsten durchgehenden Monodie, dem Cantus 
lirmus, doch mehr persönliche Elemente einverleibte und nament— 
lich anhängte, indem man z. B. die jubilierenden Kadenzen des 
Hallelujah im Überschwall individueller Gefühle in die Länge 
zog und somit abänderte. Auf diese Art entwickelte sich aus 
dem Cantus firmus die ebenfalls noch einstimmige Sequenz, — 
sehr früh, schon im 9. Jahrhundert, hat Notker für diese 
musikalische Form berühmte Terte gedichtet. 
Und zur selben Zeit etwa mag man auch bereits aus 
der Monodie hinausgelangt sein. Aber zunächst nicht im 
Gesang, sondern auf der Orgel, dem weitaus am höchsten ent— 
wickelten Instrument der Zeit, das auf diese und auf noch viel 
spätere Jahrhunderte in seiner verhältnismäßigen Fülle und 
Reinheit einen fast magischen Eindruck gemacht haben muß. 
Hier hatte man nun zum Spiele beide Hände zur Verfügung: 
man konnte Töne gegeneinander, Note gegen Note, punctum 
eontra punctum marschieren lassen und so ganze Manöver mit 
Tönen ausführen. Es ist die Entstehung der polyphonen Musik 
und des Kontrapunktes, wie sie an den Namen des Mönches 
Hucbald von St. Amand (zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts) 
geknüpft wird. 
Der Kontrapunkt ist in der Ausbildung, die er seit dem 
13. Jahrhundert zu den kunstvollsten Systemen erfuhr — in der 
kontrapunktischen Musik des 16. Jahrhunderts marschieren bis zu 
dreißig Stimmen neben⸗- und gegeneinander —, die vollendetste 
Musikform der mittelalterlichen Zeitalter geistiger Gebunden— 
heit. Denn auch in ihm hat noch, wie in der weltlich-nationalen 
Musik, der Ton zunächst bloß physikalischen oder nervenreizenden, 
dagegen keinen stimmungsvollen Wert, und es handelt sich in 
ihm nicht so sehr um den fein abgewogenen musikalischen Aus— 
druck menschlicher Gefühle, wie um Klangexerzitien für Ohr und 
Nervenbahnen. Darum ist die Harmonie ein Zufall in dieser
	        
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