Tonkunst.
17
Musik; die Satzart ist vielmehr derart, daß die einzelnen
Stimmen vollständig gegen- und nebeneinander laufen, freilich
unter immer klarerer Ausscheidung und Verminderung gewisser
Mißklänge (Dissonanzen). So war denn in dieser Zeit Musiker,
wer ein feiner Berechner der kontrapunktischen Tonbewegungen
war und gleichsam virtuose Tänze von Tönen zusammenzustellen
verstand: und die musische Kunst wetteiferte schließlich in geist- und
seelenloser Künstlichkeit wenigstens vorübergehend mit den inner—
lich verwandten Ausgängen der Scholastik und der absterbenden
Architektur gotischen Stiles.
Aber schon wartete der Erbe. Der Umschwung kam von
der Volksmusik her, und auch diesmal noch wesentlich aus
dem Gesange. Auf diesem Gebiete zuerst und viel früher als
auf dem hieratischen zeigte sich's, daß die geistige Grundlage des
mittelalterlichen gebundenen Seelenlebens am Zusammenbrechen
war: wie sich denn ganz ähnlich das deutsche Recht unter den
Verschiebungen des wirtschaftlichen und socialen Lebens in neu—
zeitliche Verhältnisse gegen Ausgang des Mittelalters und im
16. und 17. Jahrhundert weit rascher verändert hat, als das
kanonische Recht der Kirche.
Das aber, was hier vor sich ging, war folgendes. Es
begann sich zunächst neben dem herkömmlichen Volkslied in
seiner monodischen, dem Tonausdruck nach noch völlig ge—
hbundenen Form ein weltlicher Kunstgesang für eine Stimme
zu entwickeln. Wann dies zuerst der Fall gewesen, wer weiß
es? Gewiß aber ist, daß dieser Kunstgesang zur Zeit der
Minnesänger vorhanden war. Nun hätte man von hier zur Be—
seelung der Individualstimme gelangen können, sollte man
meinen. Doch mit nichten war das der Fall; dazu war
die allgemeine seelische Grundlage der Nation noch längst nicht
genügend individualisierungskräftig: einer der lehrreichsten Be—
weise für die außerordentliche, für den Fortschritt des Volks—
lebens schlechthin ausschlaggebende Bedeutung der allgemeinen
psychischen Veränderungen. Was eintrat, war vielmehr eine
leisere Verwandlung noch auf dem Boden einer halbgebundenen
Kultur: der Gesangsvortrag blieb noch ohne Dynamik, aber
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 2