Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Tonkunst. 
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Musik; die Satzart ist vielmehr derart, daß die einzelnen 
Stimmen vollständig gegen- und nebeneinander laufen, freilich 
unter immer klarerer Ausscheidung und Verminderung gewisser 
Mißklänge (Dissonanzen). So war denn in dieser Zeit Musiker, 
wer ein feiner Berechner der kontrapunktischen Tonbewegungen 
war und gleichsam virtuose Tänze von Tönen zusammenzustellen 
verstand: und die musische Kunst wetteiferte schließlich in geist- und 
seelenloser Künstlichkeit wenigstens vorübergehend mit den inner— 
lich verwandten Ausgängen der Scholastik und der absterbenden 
Architektur gotischen Stiles. 
Aber schon wartete der Erbe. Der Umschwung kam von 
der Volksmusik her, und auch diesmal noch wesentlich aus 
dem Gesange. Auf diesem Gebiete zuerst und viel früher als 
auf dem hieratischen zeigte sich's, daß die geistige Grundlage des 
mittelalterlichen gebundenen Seelenlebens am Zusammenbrechen 
war: wie sich denn ganz ähnlich das deutsche Recht unter den 
Verschiebungen des wirtschaftlichen und socialen Lebens in neu— 
zeitliche Verhältnisse gegen Ausgang des Mittelalters und im 
16. und 17. Jahrhundert weit rascher verändert hat, als das 
kanonische Recht der Kirche. 
Das aber, was hier vor sich ging, war folgendes. Es 
begann sich zunächst neben dem herkömmlichen Volkslied in 
seiner monodischen, dem Tonausdruck nach noch völlig ge— 
hbundenen Form ein weltlicher Kunstgesang für eine Stimme 
zu entwickeln. Wann dies zuerst der Fall gewesen, wer weiß 
es? Gewiß aber ist, daß dieser Kunstgesang zur Zeit der 
Minnesänger vorhanden war. Nun hätte man von hier zur Be— 
seelung der Individualstimme gelangen können, sollte man 
meinen. Doch mit nichten war das der Fall; dazu war 
die allgemeine seelische Grundlage der Nation noch längst nicht 
genügend individualisierungskräftig: einer der lehrreichsten Be— 
weise für die außerordentliche, für den Fortschritt des Volks— 
lebens schlechthin ausschlaggebende Bedeutung der allgemeinen 
psychischen Veränderungen. Was eintrat, war vielmehr eine 
leisere Verwandlung noch auf dem Boden einer halbgebundenen 
Kultur: der Gesangsvortrag blieb noch ohne Dynamik, aber 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 2
	        
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