Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
er wurde seelisch abschattiert dadurch, daß die Monodie erst 
zum dreistimmigen Gesang, schließlich zum Quartett erweitert 
ward. Es sind die großen Ereignisse des 15. und 16. Jahr⸗ 
hunderts; nun erscheint die Stimme, von der die Melodie ge— 
tragen wird, als Tenor, und zu ihr stellen sich in gleichem 
Rhythmus allmählich nicht mehr kontrapunktisch, sondern har⸗ 
monisch die vox alta und die vox bassa ins Verhältnis, der 
Alt und der Baß, denen dann im Quartett noch eine weitere, 
zumeist eine zweite Oberstimme zur Seite tritt. 
Es ist ein Vorgang von der außerordentlichsten Bedeutung. 
Bis dahin hatte jeder Ton für sich ein eigenes, aber gleichsam 
nur physikalisches Leben gehabt und zunächst nur auf die Nerven 
gewirkt. Darum war der Aufbau der Musik im Kontrapunkt 
ein mathematisch-architektonischer gewesen: gewisse Regeln, 
nicht Stimmungselemente, objektive Kunst, nicht Empfindungs⸗ 
drang waren maßgebend gewesen für Erfindung und Aus— 
schmückung der Musik. Jetzt trat der einzelne Ton jeder Melodie 
nicht mit gegengestellten Tönen zugleich, sondern für sich, aber 
umgeben von einem harmonischen Mantel anderer Töne auf, 
deren Zusammensetzung, die innerhalb gewisser Grenzen zu 
freier Wahl stand, dazu bestimmt war, ihn zu charakterisieren, 
ihn nicht bloß klangschön wirken zu lassen, sondern ihm Stim— 
mung zu geben. Erst jetzt begann damit das im höheren Sinne 
Seelische der Musik zu erblühen: die Thore eines neuen, des 
individualistischen Zeitalters der Musik hinaus über die Räume 
des mittelalterlich gebundenen Stiles öffneten sich. 
Die Errungenschaft geht nun alsbald auf das Gebiet der 
Kunstmusik über: die hieratische Musik verliert dadurch wenigstens 
da, wo sich die Gemeinde an ihr beteiligt, im Choral den 
Kontrapunkt und muß dem harmonischen Satze Eintritt ge— 
statten, woraus sich denn ganz neue Formen der Kirchenmusik 
(Motette u. s. w.) entwickeln; die weltliche Kunstmusik entfaltet 
entsprechend dem mehrstimmigen Volksgesang, nur kunstvoller, 
das Madrigal. 
Aber war damit schon die volle Beseelung der Musik ge— 
vonnen? Die Abschattierung der Empfindungen war erreicht,
	        
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