Full text : Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung.

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den Bereich der höheren sittlichen Empfindungen und aus ihm
in die Welt des Religiösen führen mußte. Denn nicht um⸗
sonst heißt religio Zustand der Gebundenheit.
Und auch die äußeren Beziehungen jenes Teiles der Nation,
der im Reiche lebt, der ständige, langjährige Druck durch be—
drohliche Gewalten in Ost und Wesi stärkte das Gemein—
gefühl und erweckte jene Zähigkeit der Vaterlandsliebe und
jenen Drang zu gemeinsamer Bethätigung auf dem Gebiete der
nationalen Arbeit, der fremden Nationen zum besonderen Kenn⸗
zeichen zeitgenössischer deutscher Art geworden ist.
So war der sozialpsychische Boden zur Entfaltung eines
neuen sittlichen und religiösen Idealismus weithin bereitet;
und an dem wachsenden Gemeingefühl der Menge nahmen
auch die höheren Klassen im Bestreben sozialer Mithilfe Anteil.
Den stärksten und entscheidenden Anlaß, dies Gemeingefühl
sittlich-religiös zu entfalten, erhielten die führenden Stände
aber doch wohl erst durch die Entwicklung einer neuen Phantasie⸗
thätigkeit, durch den UÜbergang zu den fanatischen Wahrhaftig⸗
keitsgefühlen der impressionistischen Kunst. Man unterschätze
diese Zusammenhänge nicht; man erinnere sich, was im Nachbar⸗
lande Zola für die Wahrheit im Dreyfusprozesse gewesen ist;
und man führe sich noch einmal vor Augen, daß es fast durch—
weg die Vorläufer des Impressionismus waren, die in
Deutschland seit den fünfziger, vierziger, ja schon dreißiger
Jahren die sittlich-seelische Wiedergeburt der Nation ahnten,
predigten, forderten. Das, was den Gebildeten und auch den
erwachenden Gemeingefühlen der tieferen Klassen noch fehlte,
war der Zug auf innere Prüfung, auf Verankerung der neuen
Neigungen in den innersten und lautersten Fundamenten des
Herzens. Eben dies brachte die neue Kunst, langsam gewiß,
nur von obenher zunächst eindringend, dann aber doch auch schon
gewisse Tiefen erreichend, — denn der bildungsdurstige Arbeiter
weiß heutzutage dank der vorzüglichen litterarischen Leitung
mancher sozialdemokratischen Blätter vielfach ebensoviel, wenn
nicht mehr wenigstens in der neuen Dichtung Bescheid als der
„Gebildete“.

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