Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
Verquickungen mit der Lehre Nietzsches, vor allem freilich ihrer 
ethischen Seite, sind nicht selten: 
Der Horeb glüht im Morgenbrand, 
Im Purpurblut der Sonne; 
Fern lacht der Freiheit heilges Land 
Und winkt zu ewiger Wonne. 
Es naht in Kraft und Herrlichkeit 
Der alten Rechts Erneuer; 
Laut aus dem Dornbusch unsrer Zeit 
Spricht Gott in lohendem Feuer. 
Vom Sinai herab ins Land 
Steigt auf basaltnen Stufen, 
Die neuen Tafeln in der Hand, 
Der Retter, den wir rufen. 
Er bringt uns Liebe, Glück und Brot 
Und sprengt des Himmels Pforten; 
Die Tafeln glühn im Morgenrot 
In goldenen Gottesworten. 
Sein Stab schlägt Wasser aus dem Stein 
Und tränkt die müden Pilger — 
Wann nahst du endlich, aller Pein 
Und alles Durstes Tilger? — 
Da kündet sanftes Morgenglühn 
Des neuen Tages Werden — 
Auf Aarons Stabe Mandeln blühn 
Und Friede grünt auf Erden. 
(Maurice von Stern.) 
Von dieser Strömung läßt sich eine andere unterscheiden, 
die vor allem aus künstlerischen und ethischen Motiven zum 
freudigen Bejahen der Welt führt. Es ist die Richtung, die 
einstweilen am meisten in sich ruhig und abgeklärt erscheint, 
zumal wenn sie sich mit irgend welchen ganz konkreten Ge— 
danken sozialer Mithilfe verbindet. Es ist, als wenn in ihr 
die Ideen der ältesten Propheten einer künftigen Regeneration, 
eines Ludwig etwa und Hebbel, wohl auch noch Wagners, in 
neuer, der Gegenwart mehr angepaßter Form fortgesetzt würden. 
Das schönste litterarische Denkmal dieser Richtung ist der lyrische 
Cyklus von Avenarius „Lebe“ (1893). Avenarius erzählt 
hier in Selbstbekenntnissen des Helden das Schicksal einer
	        
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