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Weltanschauung.
Verquickungen mit der Lehre Nietzsches, vor allem freilich ihrer
ethischen Seite, sind nicht selten:
Der Horeb glüht im Morgenbrand,
Im Purpurblut der Sonne;
Fern lacht der Freiheit heilges Land
Und winkt zu ewiger Wonne.
Es naht in Kraft und Herrlichkeit
Der alten Rechts Erneuer;
Laut aus dem Dornbusch unsrer Zeit
Spricht Gott in lohendem Feuer.
Vom Sinai herab ins Land
Steigt auf basaltnen Stufen,
Die neuen Tafeln in der Hand,
Der Retter, den wir rufen.
Er bringt uns Liebe, Glück und Brot
Und sprengt des Himmels Pforten;
Die Tafeln glühn im Morgenrot
In goldenen Gottesworten.
Sein Stab schlägt Wasser aus dem Stein
Und tränkt die müden Pilger —
Wann nahst du endlich, aller Pein
Und alles Durstes Tilger? —
Da kündet sanftes Morgenglühn
Des neuen Tages Werden —
Auf Aarons Stabe Mandeln blühn
Und Friede grünt auf Erden.
(Maurice von Stern.)
Von dieser Strömung läßt sich eine andere unterscheiden,
die vor allem aus künstlerischen und ethischen Motiven zum
freudigen Bejahen der Welt führt. Es ist die Richtung, die
einstweilen am meisten in sich ruhig und abgeklärt erscheint,
zumal wenn sie sich mit irgend welchen ganz konkreten Ge—
danken sozialer Mithilfe verbindet. Es ist, als wenn in ihr
die Ideen der ältesten Propheten einer künftigen Regeneration,
eines Ludwig etwa und Hebbel, wohl auch noch Wagners, in
neuer, der Gegenwart mehr angepaßter Form fortgesetzt würden.
Das schönste litterarische Denkmal dieser Richtung ist der lyrische
Cyklus von Avenarius „Lebe“ (1893). Avenarius erzählt
hier in Selbstbekenntnissen des Helden das Schicksal einer