Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere musikalische und literarische übergänge. — 385 
Niederlande aus dem deutschen Geistesleben und den spezifisch 
mittel- und norddeutschen Charakter des ersten subjektivistischen 
Beisteslebens des inneren Deutschlands auf lutherischer Grund— 
lage von der Mitte des 18. bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts. 
Parallel läuft ihr auf politischem Gebiete die Erscheinung, daß 
seit dem Dreißigjährigen Kriege durch Eingreifen von Schweden 
und später auch Frankreich die katholische Offensibbewegung zum 
Stillstand kam, die seit der Mitte spätestens des 16. Jahr⸗ 
hunderts die westeuropäische Staatenwelt beherrscht hatte. 
Wie sehr um die Mitte des 18. Jahrhunderts und schon 
früher im inneren Deutschland fortschreitende Bildung und 
Protestantismus, und vornehmlich wieder lutherische Grundlage 
religiöser Weltanschauung für identisch galten, dafür nur einige 
wenige bezeichnende Tatsachen. Moralische Wochenschriften hat 
es seit 17900 fast nur in der Schweiz und ganz vornehmlich im 
lutherischen Norddeutschland und im lutherischen Frankfurt 
am Main gegeben; selbst die spätere Entwicklung der Intelligenz— 
blätter (von etwa 1760 ab) hält sich noch wesentlich in den 
Grenzen dieses Gebietes. Kaiser Karl VI. zog Buchhändler in 
sein österreichisches Land. Aber eine erzbischöfliche Denkschrift 
mußte für Wien klagend feststellen, daß „aus ungefähr 12 oder 13 
deren hiesigen gelernten Buchhändlern kaum 3Zoder 4 anzutreffen, 
welche katholischer Religion“. Für die Zeit um 1800 weiß 
man aus den Denkwürdigkeiten von Perthes, daß der deutsche 
Buchhandel wesentlich protestantisch und mittel- und norddeutsch 
war. Endlich, was höhere Bildung und Wissenschaft betrifft: 
als Joseph von Sonnenfels im Jahre 1761 zu Wien eine 
„Deutsche Gesellschaft“ stiftete, warf man ihm vor, er wolle 
das Luthertum einführen. 
Ist mit diesen Erwägungen der Schauplatz der Übergangs— 
kultur vom Individualismus zum Subjektivismus ein für alle— 
mal und für alle Haupterscheinungen abgegrenzt, so versteht es 
sich, daß die Entwicklung des religiösen Gemütslebens, wie sie 
Front machte gegen die Orthodoxie, jene früheste verknöchernde 
Rationalisierung zunächst der Kirche, vor allem im Pietismus 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1. 25
	        
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