Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
bestimmter seelischer Vorgänge dazu, vor allem erst einmal das 
von diesen Vorgängen im allgemeinen genau Erkennbare zu 
erforschen und festzulegen. Rüstiger und weitsichtiger Führer 
auf diesem Gebiete wurde Wundt: ihm ist deshalb die Psycho⸗ 
logie an erster Stelle Erforschung der seelischen Thatbestände: 
was hinter diesen liegt, bleibt einstweilen der Sorge späteren 
Verständnisses überlassen. Und wie unendlich haben Wundt 
und seine zahlreichen Schüler in den seit den siebziger Jahren 
über die ganze Erde hin entstandenen Instituten für experi⸗ 
mentelle Psychologie die Kenntnis der psychischen Thatbestände 
vermehrt! Schon die erste Auflage der Grundzüge der physio— 
logischen Psychologie Wundts vom Jahre 1874 ließ in eine 
ganze Welt schauen, die bisher, namentlich auch in der Klarheit 
und Exaktheit ihrer Prozesse, unbekannt gewesen war; und jede 
spätere Auflage hat neue Reichtümer erschlossen. 
So wurde ein Material von ganz anderem empirischen 
Charakter zusammengebracht, als es die dürftigen äußerlichen Be— 
schreibungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dargeboten 
hatten. Aber es war doch zunächst nur ein Material. Und enthält 
es da nun bei aller seiner unendlichen Ausdehnung und Feinheit 
schon die klaren Elemente einer Systembildung, die unweigerlich 
nur nach einer Richtung hin vorwärts wiese? Hier lauten die 
Antworten verschieden, und damit beginnen die Schwierigkeiten 
für den Entwurf jedes spezialwissenschaftlichen Gebäudes, das 
auf moderner psychologischer Grundlage errichtet werden soll. 
Da giebt es eine große Gruppe von Psychologen, die bei der 
Erforschung des einfachsten seelischen Vorgangs, bei der bloßen 
psychischen Aktualität stehen bleiben, denen die Seele also nur 
die Möglichkeit psychischer Vorgänge bedeutet, nichts mehr: so 
denken die Engländer schon seit den Begründern ihrer Psycho⸗ 
logie, den Locke und Hartley, deren Forschungen um etwa zwei 
Generationen vor die Psychologie der deutschen Empfindsamkeit 
zurückreichen, so der Hauptsache nach die Franzosen und von 
deutschen Psychologen der Gegenwari Ebbinghaus und Lipps 
und bis vor kurzem auch der in Amerika lehrende Münsterberg, 
fowie weiter von den Physiologen Ziehen und von den Physikern
	        
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