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Weltanschauung.
Diese und verwandte Vorfragen tauchen auf und sind nicht so
einfach zu beantworten, da es den Geisteswissenschaften an
einer längeren einheitlichen Tradition und deshalb auch an
einer überlieferten allgemeinen Methode noch gebricht: taucht
doch selbst die allgemeine Bezeichnung für sie erst im 19. Jahr—
hundert auf.
Ein Hauptumstand, der die Entwicklung der Geisteswissen—
schaften gegenüber der der Naturwissenschaften schwierig und
verwickelt gestaltet hat, besteht darin, daß in ihnen große an—
gewandte Disziplinen, vor allem die Theologie und die Juris—
prudenz, längst vor der Entwicklung der reinen Disziplinen der
Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft vorhanden ge—
wesen sind. In den Naturwissenschaften ist die Technik seit
dem 17. Jahrhundert der Hauptsache nach durchaus der reinen
Forschung gefolgt, und das ist noch heute der Fall, trotz der
gewaltigen Entwicklung der Technik gerade im 19. Jahrhundert;
in den Geisteswissenschaften ist es umgekehrt hergegangen;
die reinen Disziplinen waren lange Zeit hindurch, im ganzen
bis mindestens zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in dienender
Stellung zu Kirche und Staat und zu deren Wissenschaften,
der Gottes- und Rechtsgelahrtheit. So hat, um nur ein
Beispiel anzuführen, die Geschichte als Wissenschaft vom 16. bis
zum 18. Jahrhundert eine theologische und eine juristische Periode
durchlaufen, und noch heute sind keineswegs alle Spuren dieser
Vergangenheit getilgt. Und ist denn etwa die Philosophie, der
letzte Ausläufer und die Krone einer freien Wissenschaft auch
des Geistes, im Mittelalter bekanntlich Magd der Theologie,
selbst heute schon so ganz vom theologischen Gängelbande frei?
Wie würde man sich täuschen, wollte man diese Frage schlecht—
weg ablehnen! Und selbst wenn wir von unseren Tagen
meinen sollten, daß sie frei seien vom Einfluß der Theologie
auf die Geisteswissenschaften überhaupt: so viel ist offenkundig,
daß selbst von vielen Gelehrten der Einfluß der Welt—
anschauung überhaupt auf die Geisteswissenschaften als ein völlig
berechtigter anerkannt wird. Der Weltanschauung! — die bei
so Vielen heute nichts anderes ist als eine dunkle Restsumme