Tonkunst.
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Endiger, ein Eröffner neuer Zeit war der große Meister, so
betrachtet.
Und nun tritt die Frage auf: ist diese neue Zeit ge—
kommen? Hat die Musik so, wie in immer stärkerer seelischer
Intensivierung auf die Zeiten der Empfindsamkeit die der
Romantik, und auf die Romantik die Periode der modernen
Reizsamkeit gefolgt sind, so nach Beethoven eine Periode
weiteren Fortschritts erlebt?
Wir können hier zunächst nur nach allgemeinen Eindrücken
urteilen. Die Musik der sogenannten klassischen Periode, der
Zeit von Gluck bis Beethoven, versteht und schätzt heute „jeder⸗
mann aus dem Volke“. Sie lebt mit uns und ist uns familiär
geworden. Die Musik der Romantik, von Weber über Spohr
und Schumann bis auf Wagner in den Werken seiner früheren
Periode (Rienzi, Holländer, Tannhäuser, Lohengrin), versteht
auch jedermann und schätzt sie, weiß sie aber doch recht wohl
von der ihm noch viel heimlicheren klassischen Musik zu trennen.
Sie ist etwas anderes. Die Musik Liszts und Wagners in
seiner zweiten Periode (namentlich Nibelungenring, Tristan und
Isolde, Parsifal) und die Musik von zumeist jüngeren Nach⸗
folgern dieser Meister, wie Cornelius, Strauß, Wolf, Bruckner,
ja auch von Brahms, verstehen viele nicht und schätzen sie des—
halb weniger: sie ist ihnen zu neu.
Bedeuten nun diese Abschätzungen zugleich Periodisierungen?
Nur eine eingehende Untersuchung der Musik der letzten Gruppe
kann hier unwiderruflich entscheiden.