Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
nur ein langsames Wiederaufleben früherer, einst viel höher 
entfalteter Kulturelemente. Man sieht: das war eine dem 
heutigen Entwicklungsgedanken genau entgegengesetzte Auf— 
fassung. Nun wurde diese Auffassung allerdings gegen Schluß 
des 18. Jahrhunderts schon häufig durch evolutionistische 
Ahnungen getrübt, so u. a. auch eben bei Herder; indes in 
abgeschwächter Form ging sie doch noch auf das 19. Jahr⸗ 
hundert über und brachte es — abgesehen von anderen Aus— 
läufern bei Friedrich Schlegel sowie später Max Müller 
u. a. m. — gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft in— 
folge eines besonderen Anlasses zu einer höchst eigenartigen 
Nachwirkung. 
Fichte hatte sich den Paradiesesgedanken in der verdünnten 
Form der Annahme eines Normalvolkes angeeignet, von dem 
ursprünglich alle Kultur auf die anderen Völker übertragen 
worden sei: und von hier übernahm diesen Gedanken vermutlich, 
in abermaliger Verdünnung, Ranke. Ranke lebte der Übei— 
zeugung, daß in den Uranfängen der Kultur einige besonders 
—DOD—— sich früheste Er— 
rungenschaften auf die anderen Nationen verbreitet hätten. 
Was ist nun die Folge dieser Auffassung des weitaus 
größten deutschen Geschichtsschreibers des 19. Jahrhunderts 
für ihn und seine Wissenschaft gewesen? Ranke verschloß sich 
und seine Wissenschaft dem Entwicklungsgedanken. Denn mit 
der Ableitung der Kultur nur von gewissen Stellen aus ist, streng 
genommen, der Gedanke unverträglich, daß jede menschliche Ge— 
sellschaft, und vor allem jede Nation, die Keime einer gewissen 
Entwicklungsvollständigkeit organisch in sich trage und entfalte, 
und damit wieder fällt der Anlaß hinweg, die Universal— 
geschichte als eine in ihrem Inhalte freilich ständig gesteigerte 
Summation der Errungenschaften nationaler Entwicklungs⸗ 
geschichten zu betrachten. Vielmehr muß sich in diesem Zu⸗ 
sammenhange leicht die Anschauung bilden, daß nicht die ein— 
zelnen Herde nationaler Entwicklung, sondern vielmehr die 
internationalen Übertragungsvorgänge höherer Kultur das 
eigentlich und einzig wichtige Element einer universalen Ge—
	        
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