158
Weltanschauung.
nur ein langsames Wiederaufleben früherer, einst viel höher
entfalteter Kulturelemente. Man sieht: das war eine dem
heutigen Entwicklungsgedanken genau entgegengesetzte Auf—
fassung. Nun wurde diese Auffassung allerdings gegen Schluß
des 18. Jahrhunderts schon häufig durch evolutionistische
Ahnungen getrübt, so u. a. auch eben bei Herder; indes in
abgeschwächter Form ging sie doch noch auf das 19. Jahr⸗
hundert über und brachte es — abgesehen von anderen Aus—
läufern bei Friedrich Schlegel sowie später Max Müller
u. a. m. — gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft in—
folge eines besonderen Anlasses zu einer höchst eigenartigen
Nachwirkung.
Fichte hatte sich den Paradiesesgedanken in der verdünnten
Form der Annahme eines Normalvolkes angeeignet, von dem
ursprünglich alle Kultur auf die anderen Völker übertragen
worden sei: und von hier übernahm diesen Gedanken vermutlich,
in abermaliger Verdünnung, Ranke. Ranke lebte der Übei—
zeugung, daß in den Uranfängen der Kultur einige besonders
—DOD—— sich früheste Er—
rungenschaften auf die anderen Nationen verbreitet hätten.
Was ist nun die Folge dieser Auffassung des weitaus
größten deutschen Geschichtsschreibers des 19. Jahrhunderts
für ihn und seine Wissenschaft gewesen? Ranke verschloß sich
und seine Wissenschaft dem Entwicklungsgedanken. Denn mit
der Ableitung der Kultur nur von gewissen Stellen aus ist, streng
genommen, der Gedanke unverträglich, daß jede menschliche Ge—
sellschaft, und vor allem jede Nation, die Keime einer gewissen
Entwicklungsvollständigkeit organisch in sich trage und entfalte,
und damit wieder fällt der Anlaß hinweg, die Universal—
geschichte als eine in ihrem Inhalte freilich ständig gesteigerte
Summation der Errungenschaften nationaler Entwicklungs⸗
geschichten zu betrachten. Vielmehr muß sich in diesem Zu⸗
sammenhange leicht die Anschauung bilden, daß nicht die ein—
zelnen Herde nationaler Entwicklung, sondern vielmehr die
internationalen Übertragungsvorgänge höherer Kultur das
eigentlich und einzig wichtige Element einer universalen Ge—