Weltanschauung.
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hunderts zwischen Individuum und Staat entsprang, daß
eigentlich nur die großen Personen die Geschichte machen, und
sie wurde sogar neuerdings durch die Entstehung eines Heroen⸗
kultes ganz anderen Ursprungs noch einmal wieder verstärkt.
Als ob, um ein an dieser Stelle leicht kontrollierbares Beispiel
zu wählen, die neuere Malerei und Dichtung Schöpfungen
Liebermanns und Liliencrons und vielleicht noch einiger anderer
Helden wären und nicht vielmehr in ihrem Grundwesen not⸗
wendige Erzeugnisse der modernen Reizsamkeit, die ihrerseits
wiederum zu nicht geringem Teile den sozialen und wirt—
schaftlichen Wandlungen der Zeit, dem Wirken der „Viel zu
Vielen“ verdankt wird! Und als wenn ein Liebermann und
ein Liliencron das lebendige Wirken dieser breiten Grundlage,
dieses Nährbodens ihres Talentes überhaupt hätten schaffen
und auch nur erhalten können! Da herrscht noch weiterhin
die Anschauung nicht von einer notwendigen seelischen Entwicklung
im Verlauf der Geschichte großer menschlicher Gemeinschaften,
insbesondere der Nationen, einer Entwicklung, die von Stufe
zu Stufe führt, sondern vielmehr die Auffassung von einer zu—
fälligen, womöglich vornehmlich durch die Beziehungen zum
Ausland bedingten, äußerlichen Geschichte, als deren Träger
dann freilich am besten der „einseitig, fast mystisch verherrlichte“
Staat erscheint. Es ist, als wollte die Wissenschaft in dem
Leben eines bestimmten tierischen oder pflanzlichen Organismus
nicht zuerst den typischen Prozessen dieses Organismus, sondern
dem bestimmten Schicksal eben jenes Baumes, eben dieses
Tieres nachfragen und darnach allein charakterisieren: die Hunde
etwa an erster Stelle in Schoßhunde, Haushunde, Hofhunde,
Schäferhunde einteilen! Da hält man endlich noch vielfach
an der Ideenlehre fest, wenn man sie auch zumeist ihres
romantisch⸗transcendenten Wesens entkleidet hat. Denn man sieht
nicht, daß ihr, auch wenn man dies thut, trotzdem ein rein indi⸗
vidualistischer Charakter bleibt, daß sich daher in ihren, nun
einmal unter den Bedingungen der Transcendenz entwickelten
Rahmen immer nur einzigartige Ereignisreihen einspannen lassen,
und daß darum ihr ausschließlicher Gebrauch als Darstellungs—