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Weltanschauung.
mittel größerer geschichtlicher Zusammenhänge ohne weiteres
die Vergleichung und damit eben das wichtigste ja fast einzige
Forschungsmittel gerade auf den höchsten Gebieten ausschließt.
Und aus alledem ergiebt sich dann das wunderliche Dogma —
ein Beweis seiner Berechtigung ist niemals auch nur versucht
worden, — daß die Geschichte unter allen Wissenschaften allein
es mit dem Einzelnen zu thun habe, mit dem Individuellen
und allenfalls dem Nationalen und auch dem Universellen,
soweit es einzigartig ist — aber nie und nimmer mit dem
mehreren Entwicklungen Gemeinsamen: und daß sie mithin eine
Wissenschaft sei, in der Begriffsbildung ein Verbrechen bleibe
und intuitives Anschauen — eine Kunst! — die Hauptsache.
Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart leidet trotz vieler
Anzeichen der Besserung noch immer unter dieser allgemeinen
und grundsätzlichen Rückständigkeit. Es wird ihr schwer, den
altgewohnten Zustand abzuschütteln; und noch hält es eine
Partei so gut wie ganz mit Ranke. Im allgemeinen aber
herrscht ein Zustand der Gärung mit all seinen Vorteilen und
Schattenseiten. Was da auch nur die nächste Zukunft bringen
wird, wer weiß es? Nur über die Bedürfnisse dieser besteht
kein Zweifel. Nietzsche hatte recht, wenn er einmal meinte,
der heutige Umfang der Menschheitskenntnis müsse zusammen⸗
fassende Anschauungen über den Entwicklungsprozeß der Nationen
gestatten und aus ihnen heraus auch die Entfaltung einer
angewandten Wissenschaft der Nationalpolitik nach Maßgabe
der größten und universalsten, der dauerndsten und am meisten
weltgeschichtlichen, der kulturellen Bedürfnisse der Nationen.
Daß zunächst eine solche universale Geschichtswissenschaft heute
möglich sei, läßt sich von niemand mehr im Ernste bestreiten.
Daß aus ihr alsbald auch eine angewandte Wissenschaft richtiger
Behandlung von Völkern niedriger Kultur durch höher stehende
entwickelt werden könnte, ist augenscheinlich. Aber wird man
ausschließen wollen, daß auch das Verständnis unserer eigenen
geschichtlichen Schritte und Fortschritte viel gewinnen könnte,
wenn wir die Wege in ihren typischen Momenten übersähen,
die vor uns nicht bloß Griechen und Römer, nein auch Inder