Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
mittel größerer geschichtlicher Zusammenhänge ohne weiteres 
die Vergleichung und damit eben das wichtigste ja fast einzige 
Forschungsmittel gerade auf den höchsten Gebieten ausschließt. 
Und aus alledem ergiebt sich dann das wunderliche Dogma — 
ein Beweis seiner Berechtigung ist niemals auch nur versucht 
worden, — daß die Geschichte unter allen Wissenschaften allein 
es mit dem Einzelnen zu thun habe, mit dem Individuellen 
und allenfalls dem Nationalen und auch dem Universellen, 
soweit es einzigartig ist — aber nie und nimmer mit dem 
mehreren Entwicklungen Gemeinsamen: und daß sie mithin eine 
Wissenschaft sei, in der Begriffsbildung ein Verbrechen bleibe 
und intuitives Anschauen — eine Kunst! — die Hauptsache. 
Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart leidet trotz vieler 
Anzeichen der Besserung noch immer unter dieser allgemeinen 
und grundsätzlichen Rückständigkeit. Es wird ihr schwer, den 
altgewohnten Zustand abzuschütteln; und noch hält es eine 
Partei so gut wie ganz mit Ranke. Im allgemeinen aber 
herrscht ein Zustand der Gärung mit all seinen Vorteilen und 
Schattenseiten. Was da auch nur die nächste Zukunft bringen 
wird, wer weiß es? Nur über die Bedürfnisse dieser besteht 
kein Zweifel. Nietzsche hatte recht, wenn er einmal meinte, 
der heutige Umfang der Menschheitskenntnis müsse zusammen⸗ 
fassende Anschauungen über den Entwicklungsprozeß der Nationen 
gestatten und aus ihnen heraus auch die Entfaltung einer 
angewandten Wissenschaft der Nationalpolitik nach Maßgabe 
der größten und universalsten, der dauerndsten und am meisten 
weltgeschichtlichen, der kulturellen Bedürfnisse der Nationen. 
Daß zunächst eine solche universale Geschichtswissenschaft heute 
möglich sei, läßt sich von niemand mehr im Ernste bestreiten. 
Daß aus ihr alsbald auch eine angewandte Wissenschaft richtiger 
Behandlung von Völkern niedriger Kultur durch höher stehende 
entwickelt werden könnte, ist augenscheinlich. Aber wird man 
ausschließen wollen, daß auch das Verständnis unserer eigenen 
geschichtlichen Schritte und Fortschritte viel gewinnen könnte, 
wenn wir die Wege in ihren typischen Momenten übersähen, 
die vor uns nicht bloß Griechen und Römer, nein auch Inder
	        
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