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Weltanschauung.
sind alle großen geistigen Erscheinungen heute schon reizsamen
Charakters oder nähern sich wenigstens diesem Wesen, und es
handelt fich dabei um eine nicht mehr rückgängig zu machende
oder in ihrem Verlauf aufzuhaltende Thatsache — wenn über⸗
haupt derartige Thatsachen aufzuhalten oder zu verhindern in
irgend eines Menschen Macht stände.
Wir befinden uns damit auf einer neuen Stufe sozial⸗
psychischer Entwicklung, wie sie der immanenten Entfaltungs-
kraft der vergesellschafteten menschlichen Seele entspricht, — einer
Stufe, die sich aufbaut zu ihrer Zeit nach ewigen, dem Völker⸗
leben innewohnenden Gesetzen. Wir können dabei diese Stufe
wohl mit entsprechenden Entwicklungsstufen anderer Völker
vergleichen, um zu sehen, wo wir sind, in unserem Falle etwa
mit der Kultur der römischen Kaiserzeit oder der indischen
Kultur unmittelbar vor Buddha, oder wohl auch mit einer ge—
wissen Stufe der chinesischen Entwicklung. Und eine solche
Vergleichung, auf die wirklichen Grundlagen des Seelenlebens
bezogen und auf das Verständnis der großen sozialpsychischen
Strömungen angewandt, würde reichen Gewinn ergeben. Aber
wer vermag sie heute schon vorzunehmen, beim gegenwärtigen
Stande unserer Kenntnis menschlicher Entwicklungsgeschichte?
Indes noch eine andere Vergleichung steht uns zur Ver⸗
fügung. Wir können rückwärts schauen in unsere eigene Ver—
gangenheit und das Facit der heutigen Kultur ziehen in der
Vergleichung ihres Inhalts mit dem Inhalte der früheren Zeiten.
Es ist heute ein gewöhnliches Verfahren, und man spricht in
diesem Zusammenhange von Décadence. Und auch wir wieder—
holen, indem wir die Vergangenheit heranziehen, die schon
einmal, im ersten Abschnitt dieses Buches, aufgeworfene Frage
nach den Zeichen des Verfalls. Was hier sicher ist, das ist
eine durchgehende äußere Ähnlichkeit gewisser maßgebender Er—
scheinungen unserer Kultur mit den entsprechenden Erscheinungen
einer längst verflossenen Frühzeit. Wir haben schon gesehen,
wie hier die Dinge auf demjenigen Gebiete der modernen Kultur,
das am weitesten entwickelt ist, im Bereiche der Phantasie—
thätigkeit stehen. In der bildenden Kunst nähert sich unsere