Weltanschauung.
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Ornamentik der einzigen, der ornamentalen Kunstart der
Urzeit; in der Dichtung sind dramatische Behandlung der Er—
zählung, Märchenwelt, stimmungsvolle Lyrik hier im Sinne
individuellen Tones, dort im Sinne der Hymnik, sind sym—
bolische Formen der Gegenwart und Urzeit identisch, beide Zeiten
haben auch ein Gesamtkunstwerk bestimmter Art, anderer Über—
einstimmungen nicht nochmals zu gedenken. Und diese Ähnlich—
keiten lassen sich jetzt durch ganz verwandte Erscheinungen auch
auf den übrigen geistigen Gebieten ergänzen. Auf sittlichem
Gebiete haben wir hier wie dort den Heldenkult, einen ge—
wissen Mangel also des Selbständigkeitsbewußtseins der eigenen
Persönlichkeit in den größten Beziehungen des Daseins. Und
wenn dies Moment mehr äußerlich ist: in beiden Zeitaltern
stoßen wir auch auf das schroffe Nebeneinander eines gewissen
Kommunismus und eines grausamen Egoismus der Aristokraten⸗
natur, der „blonden Bestie“. Und stellt sich die Bilanz im
Reiche der metaphysischen Anschauungen anders? Keineswegs!
Dort eine Naturbeseelung, welche die Kräfte hinter den Er—
scheinungen zu Göttern übermenschlicht, hier eine Philosophie
weit ausgespannten Charakters, welche die Einheit von Körper
und Seele bis zu einer enthusiastischen Verpersönlichung des
Alls durchführt: eine Weltanschauung, die sich nicht selten sogar
ihrer Beziehungen zu dem mythischen Pandynamismus der
Urzeit unmittelbar bewußt wird:
Ich grüß' den Gott, der aus sich selbst ergossen
Die Welt mit Menschen, Luft und Meer und Land,
Im Lichte watend und von Welt umflossen,
Und Sturm und Donner wägend in der Hand!
Für einen Tieftrunk aus dem Wahrheitsbronnen
Bab er einst her das halbe Augenlicht,
Im Einaug' aber lodern alle Sonnen
Und braust der Sturmwind, der die Bäume bricht.
(Maurice v. Stern.)
So tragen, wohin wir auch sehen, die äußeren Er—
scheinungen urzeitlicher und moderner Kultur Züge augen—
scheinlicher und zuerst recht rätselhafter Ahnlichkeit. Aber diese
Ahnlichkeit läßt sich erklären. Was einst instinktiv aus dem
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