Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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augenscheinlich, daß auf dem weiten Felde der Phantasie— 
thätigkeit eine Mischung von Alt und Neu eintritt — ein— 
treten muß, sollen wir weiter gelangen. Eins der sichersten 
Anzeichen ist hier, abgesehen von einer Wendung der künst⸗ 
lerischen Schaffenskraft in diesem Sinne, der in den ästhetisch 
zenießenden Kreisen der Nation immer weiter verbreitete Goethe— 
kult: denn Goethe hat einstmals zwischen individualistischem 
und subjektivistischem Zeitalter lebenspendend vermittelt und 
war sich der Notwendigkeit liberal-konservativen Wesens aller 
Wirkung ins Große wohl bewußt. Auch die steigende und 
doch zugleich verständnisvolle, nicht nach Art noch mancher 
Philologen überschätzende Würdigung der Antike scheint mir ein 
zutes Zeichen: denn sie bezieht sich auf die Höhen-, nicht die 
Verfallszeiten der klassischen Völker. Dabei muß freilich vor 
jedem Übermaß einer Reaktion gewarnt werden. Gewisse Kritiker 
haben heute nichts Angelegentlicheres zu thun, als den so— 
genannten Naturalismus, gemeint ist der naturalistische Im⸗ 
pressionismus, in Grund und Boden zu verdammen. Das ist 
Vandalenart und Weise niederer Kulturen: inconde, quod 
adorasti. Die historische Bedeutung des Impressionismus steht 
fest; sehen wir, daß wir sein Gutes behalten ohne seine Auswüchse. 
Wir sollten uns im Augenblick des Verstehens und Konzentrierens 
befinden, nicht aber des Zerstörens und Verdammens. Im Zeichen 
der Phantasiethätigkeit ist die neue Zeit erblüht; von der Kunst 
her ist das sittliche Leben befruchtet worden, in der Kunst hat 
sich zuerst die neue Psyche erlebt. So versteht es sich, daß Wand⸗ 
lungen der Phantasiethätigkeit auch seelische Haltung und 
Seelenlehre und mit ihr Sittlichkeit und Wissenschaft beein— 
flussen werden. Im ganzen aber ist kein Zweifel, daß diese 
anderen Kräfte des Daseins jetzt, im bereits vielfach erkenn⸗ 
haren Ablauf der künstlerischen Blüte der neuen Zeit, selb— 
ständiger hervortreten werden: auch dies Zeitalter wird seinen 
philosophischen Klassizismus haben und die Jahre einer wissen⸗ 
schaftlichen Rationalisierung. 
Wie aber diese neuen Kräfte sich entfalten werden, wer 
weiß es? Der Geist wird auch innerhalb des Verlaufs
	        
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