Weltanschauung.
starkem, aber doch schon durchgeprüftem und durcherlebtem
Idealismus. Haben wir ihn, so soll uns, scheint mir, um die
nächste Zukunft nicht bange sein. Und ich denke, der Deutsche
kann die Frage nach diesem Idealismus noch immer mit ja
beantworten. Gewiß haben wir in unserem öffentlichen Leben
schwere Schäden, — aber daneben doch noch unerschöpfte Erz—
lager sittlicher Geradheit, wie sie in dem, sei es an sich berechtigten
oder unberechtigten Abweichen der nationalen Stimmung von
der Reichspolitik auf Grund sittlichen Urteils gerade in den
letzten Jahren wiederholt zu Tage getreten sind. Und der
Schrei der Gebildeten nach einer sittlichen Wiedergeburt und
die religiöse Sehnsucht der besonders Reizsamen: sind sie
wirklich bloß Reaktionsgefühle gegen die Langeweile und gegen
die Überspanntheit zweideutiger Erfahrungen? Man prüfe
das Leben von Nietzsche, dies Martyrium einer verkörperten
Idee, und man wird die Frage beantworten können, so viel
auch in Nietzsches Namen von Thoren und Nichtsnutzigen
gesündigt werden mag. Nein, trotz aller Wendung zu Macht
und Machtgefühl ist die Nation doch auch die der Dichter und
Denker geblieben, und das politisch stille letzte Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts hat an Idealismus fast mehr gezeitigt als
nötig. Der deutsche Michel lebt noch, so wie sich die reiche
religiöse Phantasie der Vorfahren den Erzengel als Schutz-
patron aller hohen nationalen Wünsche vorstellte; und er wird,
gewiß schwertgegürtet und zum Schwertschlag bereit, doch nach
wie vor auch geistesbeschwingt von Wolkenhöhen auf das
Ganze der Erde niederschauen.