Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
starkem, aber doch schon durchgeprüftem und durcherlebtem 
Idealismus. Haben wir ihn, so soll uns, scheint mir, um die 
nächste Zukunft nicht bange sein. Und ich denke, der Deutsche 
kann die Frage nach diesem Idealismus noch immer mit ja 
beantworten. Gewiß haben wir in unserem öffentlichen Leben 
schwere Schäden, — aber daneben doch noch unerschöpfte Erz— 
lager sittlicher Geradheit, wie sie in dem, sei es an sich berechtigten 
oder unberechtigten Abweichen der nationalen Stimmung von 
der Reichspolitik auf Grund sittlichen Urteils gerade in den 
letzten Jahren wiederholt zu Tage getreten sind. Und der 
Schrei der Gebildeten nach einer sittlichen Wiedergeburt und 
die religiöse Sehnsucht der besonders Reizsamen: sind sie 
wirklich bloß Reaktionsgefühle gegen die Langeweile und gegen 
die Überspanntheit zweideutiger Erfahrungen? Man prüfe 
das Leben von Nietzsche, dies Martyrium einer verkörperten 
Idee, und man wird die Frage beantworten können, so viel 
auch in Nietzsches Namen von Thoren und Nichtsnutzigen 
gesündigt werden mag. Nein, trotz aller Wendung zu Macht 
und Machtgefühl ist die Nation doch auch die der Dichter und 
Denker geblieben, und das politisch stille letzte Jahrzehnt des 
19. Jahrhunderts hat an Idealismus fast mehr gezeitigt als 
nötig. Der deutsche Michel lebt noch, so wie sich die reiche 
religiöse Phantasie der Vorfahren den Erzengel als Schutz- 
patron aller hohen nationalen Wünsche vorstellte; und er wird, 
gewiß schwertgegürtet und zum Schwertschlag bereit, doch nach 
wie vor auch geistesbeschwingt von Wolkenhöhen auf das 
Ganze der Erde niederschauen.
	        
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