26
Tonkunst.
möglichkeit der Musik beruhte, die eine Kultur verlangte, die
in immer feinere Nüancen des Seelenlebens verläuft? Im
Gegenteil, die Chromatik nahm zu: beim alternden Beethoven,
bei Schubert, Weber, Marschner, dem jungen Schumann hat
ie schon das Übergewicht, bis sie in der neuen Musik bei allem
grundsätzlichen Festhalten an der Diatonik beinahe völlig siegt, so
daß Dur und Moll sich vermischen und sich fast die Aussicht auf
ein anderes Tonsystem, als das bisher bestehende, aufthut.
Und wer kühn ist, wird auf Grund dieser Vorgänge vielleicht
gar die entwicklungsgeschichtliche Stellung der neuen Musik
dahin bestimmen wollen, daß sie zwar noch nicht der Held,
wohl aber der Vorbote eines ganz neuen Tonsystems sei, das
sich auf dem Grunde rein chromatischer Verhältnisse aufbauen
würde.
Wie dem auch sei: hier soll die Eröffnung dieser Aussicht
nur dazu dienen, den Charakter der neuen Musik verständlicher
zu machen. Es ist eine Musik, die noch grundsätzlich und der
Lehre nach diatonisch erscheint; aber der tonale Grundcharakter
wird doch in tausend Fällen immer und immer wieder zum
Zweck feinerer Abschattierung der Tonempfindungen chromatisch
durchbrochen. Da wird z. B. die Modulation viel leichter ge—
handhabt, besonders gern in der Form, daß man dasselbe
Motiv in wenig verwandten Tonarten, häufig nur um einen
halben Ton versetzt, wiederholend nebeneinander stellt. Oder man
operiert ständig mit akkordfremden Tönen, so daß geradezu eine
bolle Lehre darüber entwickelt wird, wie sie möglichst kühn ein—
zusetzen seien. Oder endlich leiterfremde Akkordtöne werden nicht
mehr ausnahmsweise verwendet, sondern tauchen gruppenweis in
regelmäßig gedachten Ansätzen auf. Und dieser Vorgang vollzieht
sich derart, daß auf diese Weise gebildete fremdartige Zusammen—
klänge anfangs nur zu ganz bestimmtem Zweck, zu einmaliger
vorübergehender Färbung, auftreten, dann aber gleichsam nicht
mehr als Eindringlinge gefühlt erscheinen, sondern sich zu
eigenen, ständig gebrauchten Akkorden befestigen.
Nun tauchen freilich neben diesen außerordentlichen Fort—
schritten der Chromatik ganz bewußt auch Erneuerungen der