Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
möglichkeit der Musik beruhte, die eine Kultur verlangte, die 
in immer feinere Nüancen des Seelenlebens verläuft? Im 
Gegenteil, die Chromatik nahm zu: beim alternden Beethoven, 
bei Schubert, Weber, Marschner, dem jungen Schumann hat 
ie schon das Übergewicht, bis sie in der neuen Musik bei allem 
grundsätzlichen Festhalten an der Diatonik beinahe völlig siegt, so 
daß Dur und Moll sich vermischen und sich fast die Aussicht auf 
ein anderes Tonsystem, als das bisher bestehende, aufthut. 
Und wer kühn ist, wird auf Grund dieser Vorgänge vielleicht 
gar die entwicklungsgeschichtliche Stellung der neuen Musik 
dahin bestimmen wollen, daß sie zwar noch nicht der Held, 
wohl aber der Vorbote eines ganz neuen Tonsystems sei, das 
sich auf dem Grunde rein chromatischer Verhältnisse aufbauen 
würde. 
Wie dem auch sei: hier soll die Eröffnung dieser Aussicht 
nur dazu dienen, den Charakter der neuen Musik verständlicher 
zu machen. Es ist eine Musik, die noch grundsätzlich und der 
Lehre nach diatonisch erscheint; aber der tonale Grundcharakter 
wird doch in tausend Fällen immer und immer wieder zum 
Zweck feinerer Abschattierung der Tonempfindungen chromatisch 
durchbrochen. Da wird z. B. die Modulation viel leichter ge— 
handhabt, besonders gern in der Form, daß man dasselbe 
Motiv in wenig verwandten Tonarten, häufig nur um einen 
halben Ton versetzt, wiederholend nebeneinander stellt. Oder man 
operiert ständig mit akkordfremden Tönen, so daß geradezu eine 
bolle Lehre darüber entwickelt wird, wie sie möglichst kühn ein— 
zusetzen seien. Oder endlich leiterfremde Akkordtöne werden nicht 
mehr ausnahmsweise verwendet, sondern tauchen gruppenweis in 
regelmäßig gedachten Ansätzen auf. Und dieser Vorgang vollzieht 
sich derart, daß auf diese Weise gebildete fremdartige Zusammen— 
klänge anfangs nur zu ganz bestimmtem Zweck, zu einmaliger 
vorübergehender Färbung, auftreten, dann aber gleichsam nicht 
mehr als Eindringlinge gefühlt erscheinen, sondern sich zu 
eigenen, ständig gebrauchten Akkorden befestigen. 
Nun tauchen freilich neben diesen außerordentlichen Fort— 
schritten der Chromatik ganz bewußt auch Erneuerungen der
	        
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