Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Tonkunst. 
Wir nehmen von der Harmonik Abschied und wenden uns 
zur Stimmführung. Freilich, wie sich sogleich zeigen wird, 
nur äußerlich: denn im Grunde sind die modernen Anderungen 
in der Stimmführung nur Folgen der immer mehr aus— 
gesprochenen chromatischen Neigungen. Sie lassen sich mit 
einem Wort dahin zusammenfassen, daß die Nebenstimmen 
immer mehr von der Hauptstimme losgelöst werden. Die 
Akkorde werden gleichsam aufgetröselt, die Nebenstimmen 
schweifen ab, stellen sich gegen die Hauptstimme: es scheint, als 
solle das alte kontrapunktische Tonexerzieren wieder beginnen. 
Was ist aber der Grund dieser Befreiung? Einfach das Be— 
dürfnis, zur Gewinnung neuer und immer feinerer Ton— 
schattierungen die Nebenstimme bis zu dem Grade zur Haupt— 
stimme in Dissonanz zu setzen, daß ein volles akkordmäßiges 
Zusammenklingen nicht mehr als möglich oder doch schon als Wag- 
— 
weise chromatisch geführt; oder es werden bei ihnen akkordfremde 
Töne angewendet, und gern wird der Satz mit einer liegenden 
Stimme, einem beharrlichen Tone, dem Orgelpunkte, aufge— 
nommen, dem es dann obliegt, entlegene und zerstreute Harmonien 
zu binden und damit eine Milderung und Verschleierung der 
harmonischen Kühnheiten zu erzielen. So liegt denn dieser 
modernen Polyphonie, deren leise Anfänge schon in der so— 
genannten „obligaten Begleitung“ Beethovens auftauchen, 
keineswegs eine Regung nach rein physikalischer Auffassung der 
Töne zu Grunde, wie sie das psychische Motiv der Kontra— 
punktik war, sondern genau das Gegenteil: das Bedürfnis, 
immer noch mehr stimmungsmäßig zu spalten und zu 
schattieren. — 
In der Rhythmik halten wir uns hier zunächst an jenes 
engere Gebiet, in dem es sich nur um das Verhältnis der 
Töne zu einander innerhalb eines Motivs handelt; von der 
Rhythmik im weiteren Sinne, dem Zeitmaß eines ganzen musi— 
kalischen Kunstwerks, wird bald in anderer Verbindung die 
Rede sein. Innerhalb eines bloßen Motivs sind nun zwei 
Fälle denkbar: entweder Rhythmus und Takt (Metrum) fallen
	        
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